Stellungnahme einer iranischen Organisation zum ‚Tag der Befreiung der Frau‘

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Stellungnahme einer iranischen Organisation zum ‚Tag der Befreiung der Frau‘

Anlässlich des so genannten ‚Tages zur Befreiung der Frau‘, der am 07. Januar 2003 in verschiedenen iranischen Städten mit Kundgebungen begangen wurde, verbreitete die Organisation „Student Movement Coordination Committee for Democracy in Iran“ (SMCCDI) eine Erklärung, in der geschlechtspezifische Diskriminierungen von Frauen im Iran kritisiert wurden. Ihren Aufruf zur Teilnahme an den Kundgebungen verband die Organisation mit Forderungen nach einer Gleichstellung der Frau, einer Freilassung von politischen Gefangenen sowie nach einer Säkularisierung und einem Referendum über die zukünftige Regierungsform des Landes.

Die Kundgebungen, an denen in verschiedenen Städten mehrere Tausend Personen teilnahmen, wurden von heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und paramilitärischen Einheiten und anschließenden Festnahmen zahlreicher Demonstranten begleitet.

Die Demonstrationen stehen im Kontext einer fortwährenden Debatte um die Situation der Frau im Iran. Während die Kundgebungen an den 07. Januar 1936 erinnern, an dem sich der damalige König Resa Pahlavi während eines öffentlichen Auftritt mit seiner unverschleierten Frau symbolisch für eine Stärkung der Position der Frau aussprach, beschloss die iranische Regierung in den letzten Wochen einige Maßnahmen, die als Reaktion auf die wachsende Kritik interpretiert wurden. Zu diesen Maßnahmen zählte insbesondere die vorläufige Aussetzung der Steinigungen von Frauen, die Ende Dezember 2002 nach Aussagen von Vertretern der iranischen Justiz auch aufgrund der internationalen Kritik beschlossen wurde. Der folgende Aufruf wurde am 05. Januar 2003 in persischer Sprache vom SMCCDI veröffentlicht:

„Aufruf zum Tag der Befreiung der Frau

Der 07.01.1936 war ein Tag, an dem die alte Hoffnung der Modernisierer des Iran erfüllt wurde, an dem die freiheitsliebenden Frauen unseres Landes von der Zwangsverschleierung befreit wurden. Von diesem historischen Tag an konnten die iranischen Frauen Schulter an Schulter mit den Männern in verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen aktiv teilnehmen und Menschen- und Bürgerrechte erlangen, die von den religiösen Zwängen und Einschränkungen verletzt wurden.

Mit der Errichtung der Herrschaft der religiösen Fundamentalisten im Iran unterdrücken die Mullahs mit Hartnäckigkeit und mit frauenfeindlichen Gesetzen im Namen der Religion viele der erreichten Rechte der Frau. Sie werden nicht müde, die Frauen mit Gewalt in eine reaktionäre Situation von vor über hundert Jahren zurückzuführen. Während des beinahe 24 Jahre währenden beschämenden schändlichen Bestehen der Islamischen Republik wurden wir mehrfach Zeuge, wie die despotischen Herrscher aus verschiedenen Gründen -z.B. dem Kampf gegen nicht ausreichende Verschleierung – ihre verwerflichen Helfershelfer und Agenten gegen unsere Mütter und Schwestern auf die Straßen schickten. Wir wurden Zeuge, wie sie unsere Töchter und Söhne in den Parkanlagen und auf Spazierwegen in Erholungsgebieten verhafteten, weil sie öffentlich zusammen ausgingen. Wir sind weiter Zeugen, wie die bürgerlichen Rechte der Frauen von den religiösen Gerichten des Iran mit den Füßen getreten werden und die Frauen angesichts der patriarchalischen Gesetzen der Mullahs keinen anderen Ausweg sehen, als sich unter Zwang anzupassen. Zu all diesen Grausamkeiten, die gegen die Frauen begangen werden, müssen wir auch die Schmerzen ihrer Hungersnöte und ihrer übermäßigen Armut zählen. Ein Schmerz, der sie zwingt ihren Körper nachts auf den Straßen zu verkaufen.

Edle und freiheitsliebende Iraner: Trotz der Hinrichtungen, der Steinigungen, der Unterdrückungen und Erniedrigungen und der Unterjochung, die das Regime den iranischen Frauen auferlegt, haben die freiheitsliebenden iranischen Frauen, gerade die studierten Frauen, von Anfang an gegen die Diskriminierungen von Frauen, speziell gegen die Zwangsverschleierung gekämpft und das Regime zum offenen Rückzug gezwungen. Zur Beendigung der geschlechtsspezifischen Diskriminierungen und der Gewalt, die sie unseren Müttern und Schwestern auferlegen, werden wir uns am Dienstag, den 7.1.2003 um 14.00 auf öffentlichen Plätzen der großen Städte versammeln, um uns mit dem ununterbrochenen Kampf der Frauen zu solidarisieren. Wir werden mit den Parolen ‚weder Kopftuch noch Ohrfeige‘ die Freilassung der politischen Gefangenen und ein Referendum fordern, um eine säkulare und demokratische Ordnung zu erreichen.

Wir rufen alle freiheitsdenkenden iranischen Frauen und alle freiheitlichen Männer dazu auf, als Vorreiter und Vorreiterinnen des zivilen Ungehorsams, an diesem Tag ein halbverbranntes Kopftuch als Zeichen des Protestes gegen die Zwangsverschleierung mitzunehmen und dieses auf einem der belebten Straßen oder Plätzen fallen zu lassen.

Es lebe die Freiheit! Es lebe der Säkularismus! 5 Januar 2003, Koordinationskomitee der Studentenbewegung für Demokratie in Iran (SMCCDI)“

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