Iranisches Internetportal veröffentlicht offenen Brief des inhaftierten Intellektuellen Aghajari

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Iranisches Internetportal veröffentlicht offenen Brief des inhaftierten Intellektuellen Aghajari

Der iranische Intellektuelle Hashem Aghajari äußerte sich kürzlich in einem Brief aus dem Gefängnis zu den Vorwürfen, die gegen ihn erhoben wurden. Aghajari  war am 09. November 2002 unter dem Vorwurf der Apostasie zum Tode verurteilt worden. Anlass der Verurteilung war eine Rede, die er am 19. Juni 2002 gehalten hatte und in der er Kritik an der religiösen Führung des Irans formulierte. Angesichts massiver Proteste insbesondere von Studenten kündigte der oberste religiöse Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, am 17. November 2002 eine Neuverhandlung des Falles an. In dem folgenden Brief vom 25. Januar 2003 (5 Bahman 1381) an den Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes des Iran, der u. a. von dem iranischen Internetportal www.Iran-emrooz.de verbreitet wurde, äußert sich Aghajari zu den Vorwürfen, wobei er sich auch von den Studentenprotesten distanziert:

„Im Namen Gottes, des Barmherzigen
An den verehrten Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes des Staates
Herrn Ayatollah Mohammadi Gilani,
Friede sei mit Ihnen,


Ich, Hashem Aghajari, habe bisher persönlich in Verbindung mit meiner sich gegenwärtig beim Obersten
Gerichtshof in Arbeit befindlichen Akte keine Revision beantragt. Mein Anwalt stellte einen solchen
Antrag entsprechend der rechtlichen Möglichkeiten.


Meine Zurückhaltung hat jedoch nichts mit Ignoranz gegenüber dem Gesetz oder gegenüber dem
Obersten Gerichtshof zu tun, sie ist nicht als Unwille, eine stille und friedliche Lösung zu finden, zu
verstehen und hat nichts mit einer ausländischen oder inländischen Ausnutzung dieser Angelegenheit zu
tun: Ich habe persönlich nichts unternommen, um eine Revision zu beantragen, da ich auf der Grundlage
dessen, was ich von Anbeginn erfahren habe, alle effektiven Mittel, die zu einer gerechten Überprüfung
meines Falles führen könnten, als unerreichbar betrachtete und keine Hoffnung auf die übliche juristische
Vorgehensweise setze.
Nun spreche ich Sie an, der als einer der alten Freunde des Imam Khomeini gilt, der sich davor bewahrt
hat, politische Positionen zu beziehen und sich nicht in Fraktionskämpfe einmischte. Sie haben eine
unabhängige Persönlichkeit im Amt bewiesen, das Sie führen.


Da Sie Ihre Unabhängigkeit bewahrt haben, spreche ich Sie an und bitte Sie, dass Sie – nicht für die
Verteidigung einer Person, sondern für den Schutz Ihrer Position und Ihres juristischen und geistlichen
Ranges, der sich der Anwendung der Gerechtigkeit und der Gewissenhaftigkeit verpflichtet – dass sie sich
dieses Briefes und meiner Rede in Hamedan (die ich im Anhang überreiche) aufmerksam annehmen, um
das angemessene und erforderliche Vorgehen, zu bestimmen.


Ich versuche kurz einige Erklärungen zur Anklageschrift, die vom Zivilgericht 14 der Stadt Hamedan
verkündet wurde, abzugeben. Wenn Sie meine ausführlichen und begründeten Erklärungen wünschen,
lesen Sie bitte die genannte Akte und die Papiere in der Akte, sei es der Text meiner Rede, die Antworten,
die Erklärungen aus zwei Arbeitsperioden des Gerichtes in der vorbereitenden Untersuchung und der
Verhandlung des Gerichts und konsultieren Sie den Bericht meiner Verteidigung, die auf 160 Seiten
erfolgt ist.


1) Ich habe den Islam nicht mit dem Christentum verglichen, sondern habe in Form von Erklärungen und


Wiedergaben der Ansichten von Dr. Shariati an einige abweichlerische Vorstellungen mancher Muslime erinnert. Ich habe die Lehren der Religion nicht als schwarz und dunkel bezeichnet. Die dunklen und archaischen Lehren sind genau diese versteinerten Auffassungen, die im Namen des Islam eingebracht werden. Die Ablehnung solcher Auffassungen und Ansichten mancher Personen hat nichts mit der Ablehnung einer vornehmen Religion und mit Gott zu tun. Bedeutete etwa die Ablehnung des amerikanischen Islam seitens Imam Khomeini die Ablehnung des Islam oder wurden vom religiösen und revolutionären Führer gar die Prinzipien und die Wahrheit des Islam als amerikanische begriffen?

Wenn Reformer und Erneuerer der Religion, unter ihnen Imam Khomeini, in der gegenwärtigen Geschichte auf die Notwendigkeit von Veränderungen und Reformierungen der abweichlerischen und zurückgebliebenen Ansichten drängen, bedeutet dies nicht, dass sich der Islam in eine andere Religion oder in andere Ideologien verwandeln solle. An nichts anderes habe ich geglaubt und nichts anderes habe ich in meiner Rede in Hamedan gesagt.

2) Ich habe nie die Notwendigkeit der Religion verleugnet und verleugne diese auch jetzt nicht. Ebenso wenig verleugne ich irgendeines der leuchtenden islamischen Gesetze. Ich habe mich auch nie über das Eherecht spöttisch geäußert und tue dies auch jetzt nicht. Was ich gesagt habe, ist eine Kritik gegenüber den Verhaltensformen manch launischer und strenger Personen, die mit ihrem widersittlichen Handeln ein ungeeignetes Bild von der Sharia zur Schau stellen.

3) Ich habe nie den keuschen und heiligen Rang der reinen Imame in Abrede gestellt und tue dies auch jetzt nicht und betrachte als ein schiitischer Muslim und Angehöriger der Liebenden und als Angehöriger des Hauses des Propheten die Beleidigung dieser Edelmütigen als eine große Grausamkeit gegen mich selbst. Eine Bemerkung, die leider der Richter des 14. Gerichtes in einem Fernsehinterview wiederholt hat, Vorwürfe, die er mir zugeschrieben hat, welche jedoch nicht zu meinen Glaubensvorstellungen gehört haben und gehören. Ich habe mich zur Erläuterung der Ansichten von Dr. Shariati kritisch gegenüber Auffassungen geäußert, die stets die keuschen Imame als ‚Übermenschen‘ und Auserwählte Gottes darstellen, Menschen, die als Vorbild des nach Vollkommenheit strebenden Menschen gelten, auf eine Art und Weise, dass diese als unmenschliche Lebewesen vorgestellt werden, so dass diese für nach Vollkommenheit strebenden Menschen nicht mehr als Vorbilder nachgeahmt werden können.

4) Ich habe immer die Notwendigkeit der Nachahmung im Sinne der Hinwendung des Nicht-Experten zum Experten auf allen Gebieten, wie zum Beispiel auf den Gebieten der Sharia, und die Notwendigkeit der Nachahmung der Instanzen der religiösen Vorbilder durch die Allgemeinheit befürwortet. Was ich in einem rhetorischen und gleichzeitig verneinenden Satz, kommentierend und ergänzend kritisiert und gesagt habe (ob die Bevölkerung Affen seien, die alles nachahmen sollen) meint im Kontext des Wortes und unter Berücksichtigung der Argumente und Beispiele die blinde Nachahmung, die Form der Nachahmung, die dem Verstand widerspricht und auch im Koran wiederholt und stets getadelt worden ist. Kritik einer solchen Nachahmung, die gegen den Verstand und gegen die Grundsätze der Sharia verstößt, hat nichts mit dem Thema der Nachahmung und Ijtihad im schiitischen Islam zu tun. Auch wenn einige schiitische Geistliche [Akhbariun] die Nachahmung ablehnen; ich bin nicht Angehöriger der Akhbaris und bin auch im Ergebnis nicht gegen Nachahmung und Ijtihad und habe auch mitnichten weder die ehrwürdigen Instanzen der Nachahmung noch die Nachahmer beleidigt. Ich habe oft gesagt und geschrieben, dass ich selbst zu den Nachahmern in dem genannten Sinne gehöre.

Ich habe nicht nur die Instanzen der Nachahmung nicht beleidigt und tue dies nicht, sondern betrachte die Beleidigung der Geistlichkeit und sogar die Beleidigung eines Geistlichen nicht als zulässig und erachte den Schutz der unabhängigen Instanzen und der Geistlichkeit als eine Notwendigkeit.

Ja, wenn wie es in einigen großen Suren steht und einige große Instanzen die Nachahmung betont haben, eine mündliche Übertreibung oder eine Überinterpretation stattgefunden hat, habe ich mich deswegen von Anbeginn, vor der Vorladung ins Gericht entschuldigt und habe auch darauf nicht verzichtet, mich gegenüber den Instanzen und der Bevölkerung mehrfach zu entschuldigen.

5) Ich gehe davon aus, dass der Vorwurf der ‚Verletzung der öffentlichen Ordnung und Ruhe‘ keiner Erläuterung bedarf, denn ich habe in einer begrenzten Versammlung und in einem geschlossenen Saal zum Anlass des Todestages von Dr. Shariati in Hamedan einen Vortrag gehalten. Und obwohl ich den Vortrag nicht zu Ende halten konnte, da die Ordnung der Versammlung von einigen, die entgegengesetzte Positionen vertraten, gestört wurde, kehrte ich ohne ein Zwischenereignis nach Teheran zurück. Diejenigen, die die Ruhe und Ordnung der Bürger in Hamedan und in anderen Städten gestört haben, gehören zu denselben widerspenstigen Gruppen, die während der nächsten Tage unter dem Vorwand des Protestes, illegale Versammlungen und Demonstrationen durchgeführt haben. Ein solcher Vorwurf mir gegenüber bedeutet so viel wie das Sprichwort: Schuldig machte sich ein Schmied, als er einen Weinbecher herstellte, dafür brach man den Hals irgendeines Kupferschmiedes.

[Es folgt eine ausführliche juristische Stellungnahme]

Herr Ayatollah Mohammadi Gilami! Der Richter, der das Urteil ausgesprochen hat, hat leider die beschriebene Verteidigung nicht berücksichtigt. Ich habe gemeinsam mit meinem verehrten Anwalt die Sachen während der Prozesssitzungen aufzuklären versucht, wie dies bei den Gerichtsunterlagen festgehalten wurde. Neun von 12 Seiten des richterlichen Urteils beziehen sich auf die parolenhafte Wiederholung der Vorwürfe des Klägers und seiner Anklageschrift. Aber die Untersuchung dieser Anschuldigungen parallel zur Berücksichtigung des Urteils und der beschlagnahmten Dokumente und Unterlagen in der Akte kann meine Unschuld und Redlichkeit beweisen und dazu führen, dass ein gerechtes Urteil ausgesprochen wird, das die Freiheit des Beschuldigten vom Gefängnis zur Folge hat. Da ich gegenwärtig in dem Zentralgefängnis von Hamedan inhaftiert bin, möchte ich um Erlaubnis bitten, Ihnen hiermit Herrn Nikbakht, meinen verehrten Anwalt vorzustellen, der alle weiteren Erklärungen und Antworten vorlegen kann.

Mit Dank und Gebet, Seyyed Hashem Aghajari Zentralgefängnis Hamedan“.

 

 

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