„Honestly Concerned“ – „Aufrichtig besorgt“

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Die Sponsoren einer Konferenz des BJSD, des Bundes jüdischer Studenten, in Frankfurt im vergangenen März sparten nicht mit Geld, um den jungen Menschen ein positives Bild Israels zu vermitteln. Der israelische Botschafter kam, israelische Minister wurden eingeflogen, Professor Wolfssohn hielt einen Vortrag und brachte die vorhandenen Klischees erfolgreich durcheinander.

Eingeladen war auch ich, deutscher Israel-Korrespondent für Medien wie n-tv, Zeitungen und die Katholische Nachrichtenagentur. Ganz subjektiv hatte ich den Eindruck, als wenn nicht die offiziellen Vorträge diesen Studenten wirklich wichtig waren, sondern das, was im Flur, während der Pausen oder in der Lobby vor dem Essen beredet wurde.

Viel Verzweiflung wurde da laut, das Gefühl, einer einseitigen, unfairen und teilweise sogar falschen und propagandistischen Medienberichterstattung ausgesetzt zu sein. Das schien diese jungen Studenten mehr zu interessieren als ein gelehrter Vortrag über die Grenzprobleme Israels oder über die Gefahren des palästinensischen Terrors. Denn was in ARD und ZDF am Abend gezeigt wurde, mit entsprechendem Kommentar über die „israelischen Verbrechen“, bekamen sie offensichtlich in Form von Beschimpfungen am nächsten Tag auf dem Campus zu spüren, als seien sie für die Politik Scharons verantwortlich.

Der Vorschlag, Leserbriefe an die Redaktionen zu schreiben, aber sich tunlichst auf sachliche Kritik zu beschränken und keine emotionalen pro-israelischen Episteln zu verfassen, wurde von ihnen dankbar aufgenommen. Erst als die antisemitische Kampagne Möllemanns zusammen mit den Berichten über das mutmaßliche „Massaker“ der Israelis in Dschenin, von Arafat gar als „Dscheningrad“ bezeichnet, die Lage der Juden in Deutschland aus ihrer Sicht immer prekärer machte, griff Sacha Stawski aus Frankfurt, der an der BJSD-Konferenz gar nicht teilgenommen hatte, die „in der Luft liegende“ Idee von Leserbriefkampagnen auf.

Er bediente sich dabei des modernsten, billigsten und einfachsten Kommunikationsmittels, das es heute gibt: Emails und Verteilerlisten. Technisch zunächst etwas unbeholfen und bei einigen Bekannten anfangend, begann er, im Internet verbreitete Zeitungsartikel zu sammeln: Berichte über jüdische Themen, Auseinandersetzungen mit Möllemann und Artikel über Israel. Er verfolgte dabei eine doppelte Strategie: einerseits umfassend informieren, indem er einfach Artikel zu seinen Themen sammelte und als Links oder im Wortlaut elektronisch verbreitete. Andererseits seine Email-Empfänger zu Kritik, Leserbriefen, Protesten aufzumuntern, in Fällen, wo schon ein einfacher Vergleich der Meldungen und Artikel zum gleichen Thema bewiesen, wer da die Wirklichkeit verdrehte oder tendenziöse Begriffe in eine ansonsten einwandfreie Berichterstattung einfließen ließ.

Die Emailliste der „aktiven Teilnehmer“, die selber Beiträge sammelten und Sacha zuschickten oder auch mal Kommentare verfaßten, wurde „Honestly Concerned“ („Aufrichtig besorgt“) genannt, ohne sich jedoch als Klub oder „eingetragener Verein“ zu etablieren. Es reichte die Bitte, auf den Email-Verteiler gesetzt zu werden, um „Mitglied“ zu werden, wobei Herkunft oder Identität nicht geprüft wurden. So kam da ein buntgewürfelter Haufen von Christen und Juden, Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und politischer Ausrichtung zusammen. Ein zweiter Verteiler enthielt die Emailadressen von Redaktionen, Abgeordneten, Organisationen und anderen, die „angesprochen“ werden sollten.

Ein Jahr später, und „honestly concerned“ (hc) ist zu einer vielbeachteten und teilweise auch öffentlich diskutierten Einrichtung in Deutschland geworden. Unvermeidbar war die Reaktion eines kritisierten Journalisten, der in hc eine christlich-jüdische Fundamentalistenverschwörung deutscher Likudniks sah und mit seiner im Hessischen Rundfunk veröffentlichten Attacke („es gibt zu viele Juden in New York“) dieser unverbindlichen Emailliste zusätzliche Publizität verschaffte.

Andere Israel-Korrespondenten und Redaktionen reagierten sachlich und ernsthaft auf die bei hc geäußerte Kritik oder auf die von „hc-Mitgliedern“ empfangenen Leserbriefe. Da die Leserbriefe wie die Reaktionen im vollen Wortlaut und unzensiert an hunderte Adressaten per Email verteilt wurden, wobei viele Empfänger wiederum „Multiplikatoren“ an den Schaltzentralen der Bundesrepublik sind, blieb die Wirkung nicht aus.

Da wurden Institutionen wie die Weltbank aufgefordert, zu erklären, wieso auf ihren Internet-Seiten alle Länder der Welt mit Adresse und Büro vertreten sind, nur Israel nicht. Da wurde „Die Welt“ darauf aufmerksam gemacht, daß sie auf einer Nahost-Landkarte „vergessen“ hatte, Israel namentlich zu erwähnen. Agenturberichte wurden auf Widersprüche und Widerlichkeiten geprüft, was immerhin dazu führte, daß einer der kritisierten Agenturjournalisten persönlich bei seiner Kritikerin anrief, sich entschuldigte, Besserung versprach und immerhin bei hc eine lobende Zusammenfassung des Gesprächs erhielt…bis zur nächsten Kritik.

Entscheidend bei hc ist wohl die Durchsichtigkeit des Vorgehens. Es ist offensichtlich, daß die weitergegebenen Informationen, vor allem die gesammelten Artikel, nicht von einer Hand zusammengetragen werden können. Da gibt es eine unübersichtliche Anzahl von freiwilligen Mitarbeitern, die an Sacha schicken, was sie gerade entdeckt und für interessant befunden haben. Da es Links zu veröffentlichten Texten im Internet sind, kann hc auch als spezialisierter „Pressespiegel“ zu den Themen Antisemitismus, Israel, Nahost usw. bezeichnet werden. Gelegentlich kommt es zu Meinungsverschiedenheiten mit Sacha, wenn er gewisse Artikel als „Links zum Ärgern“ einfügt. Die entsprechende Kritik am Vorgehen des vorläufig einzigen Redakteurs und Betreibers von hc ist in den elektronischen „Sonderausgaben“ nachzulesen.

Was die verzweifelten BJSD Studenten im vergangenen März so sehr vermißten und wünschten, ist dank der Bemühungen von Sacha Stawski als Privatinitiative Wirklichkeit geworden. Hc hat inzwischen sehr viele interessierte Leser und Abnehmer, nicht nur persönlich betroffene Juden. Auch Pastoren und vor allem verantwortungsbewußte Deutsche, die sich der Gefahr eines Antisemitismus sowie einer verfälschenden Berichterstattung voll bewußt sind, lesen die immer länger und umfangreicher werdenden Emails mit wachsendem Interesse aber auch mit zunehmender Sorge. Denn was in dieser konzentrierten und geballten Form von hc allein aus dem deutschen Mediengeflecht im Internet ausgegraben wird, sollte nicht nur die wenigen deutschen Juden bedenklich stimmen, sondern auch die verantwortlichen Politiker, die Kirchen und die demokratischen Parteien in Deutschland.

Weitere Informationen: www.honestly-concerned.org

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