Panorama bringt Themaverfehlung: Berichtigte Kritik oder Antisemitismus?

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„Wo ist die Trennlinie zwischen kritischer Berichterstattung und Antisemitismus?“ Dieser ausgesprochen wichtigen und derzeit hoch im Kurs stehenden Frage wollte ein Panorama Bericht vom gestrigen Donnerstag nachgehen. Doch bereits im Ankündigungstext konnte man lesen, wo der Hase hinläuft: „Tatsächlich wird der Begriff oft missbraucht, um Journalisten und Politiker einzuschüchtern. PANORAMA über die leichtfertige Verwendung des Wortes Antisemitismus.“

Wo wittert also Panorama leichtfertige Verwendung des Wortes Antisemitismus? Zuerst einmal bei der Initiative Honestly Concerned , die für eine „Kampagne“ gegen SZ-Autor Hans Leyendecker angeprangert wird, dann natürlich Michael Wolffsohn und schließlich Israel selbst, allesamt in einen Topf geworfen und des leichtfertigen Antisemitismus-Vorwurfes vorgeführt.

Tatsächlich sind die ausgewählten Fälle Beispiele für eine überzogene Reaktion, vor allem Michael Wolffsohns Äußerungen, die seinen unsäglichen „J’accuse“-Artikel noch übertreffen, sind haarsträubend. Besonders scharf wirkt die Kritik an Honestly Concerned, nicht zuletzt dadurch, dass die Auszüge aus dem Gespräch mit Sascha Stawski offensichtlich aus dem Zusammenhang gerissen sind. Mögen im Falle Hans Leyendeckers ungerechtfertige Vorwürfe erhoben worden seien, ich habe weder besagten Artikel, noch die dazugehörige Diskussion gelesen und verfolgt, so legt Honestly Concerned doch oft das Augenmerk auf wichtige Details, die sich in der Presse finden.

Von Panorama wird als Beispiel angeführt, dass sich Honestly Concerned an der Bildberichterstattung zu den letzten Wahlen in Israel störte. Tatsächlich eine fatale Art und Weise das Land Israel darzustellen: auf den allermeisten Bildern sind ultraorthodoxe Juden zu sehen. Anstatt dass sich Panorama darüber Gedanken macht, wie diese Erscheinung zustande kommt, sucht man sich lieber einen „Kronzeugen“, Brian Klug, Philosoph aus Oxford, der dies als unrelevant bescheinigt. Nur weil religiös gekleidete Juden von den Nazis als Symbol des bösen Juden verwendet wurden, ist die Darstellung heute nicht antisemitisch, so Klug.

Da hat er recht, aber erstens lebt Brian Klug in England und nicht in Deutschland und hat damit eine vollkommen andere politische Kultur in seinem Umfeld als hierzulande. Und zweitens geht es doch auch darum, dass Israel als fatalistisch und extremistischen Staat gezeigt wird, in dem nur Orthodoxe und Siedler leben. Panorama hätte dabei jeden Israelreisenden fragen können, der sich zu Hause in Deutschland mit der Frage konfrontiert sieht: „Was, in Israel warst Du? Kann man da überhaupt ein normales Leben führen?“ Das Bild Israels in den deutschen Medien ist geprägt durch Orthodoxe und brennende Straßen in den besetzten Gebieten. Selbstverständlich kann man das einerseits nachvollziehen, warum sollten die Abendnachrichten einen ganz normalen Tag in Tel Aviv zeigen? Wieso jedoch müssen ständig Ultraorthodoxe gezeigt werden, man sieht in Tel Aviv auch nicht mehr orthodox gekleidete Juden als im Straßenbild von London, Paris oder Zürich.

Mit solchen Details gibt sich Panorama jedoch nicht ab und bezieht eindeutig Stellung. Die Juden sind die Aufhetzer, die „Antisemitismus“ kreischen. Israel macht es ihnen vor, Panorama berichtet von einer diplomatischen Verstimmung mit dem britischen Fernsehsender BBC. Was das mit den aktuellen Diskussionen in Deutschland zu tun hat, bleibt mir ein Rätsel. Offenbar hat mal wieder jemand außer Acht gelassen, dass deutsche Juden nicht für die Politik Israels verantwortlich sind. Ach, wie liebe ich die Frage: „Ja sag mal, was macht den der Scharon da unten?“ Ja, keine Ahnung, hab ich ihn etwa gewählt? Bin ich für ihn verantwortlich, nur weil ich Jüdin bin? Ist Honestly Concerned in einen Topf zu werfen mit der Politik des Staates Israel?

Besonders ärgerlich, oder besser gesagt, das Ärgerlichste an dem Panorama-Beitrag ist die Tatsache, dass einzelne Beispiele genommen und als absolut gesetzt werden. Die andere Seite der Frage, wo die Trennlinie ist, also die vielen Fälle, wo durchaus offensichtliche Fälle von Antisemitismus vorliegen, kommen überhaupt nicht zu Wort. Kein Walser, Möllemann, Hohmann, kein Wort über antisemitische Übergriffe in Berlin, kein Kommentar zu teilweise skandalösen Zeitungsberichten, den Nahostkonflikt betreffend.

Der Vorwurf des Antisemitismus bleibt wie ein Hirngespinst in der Luft stehen. Die Juden halt wieder! Panorama hat es leider versäumt, in diesem so komplizierten Themenbereich das nötige Maß an Sorgfalt walten zu lassen. Schade, es wäre eine große Chance gewesen, das wichtige Thema der angemessenen Israelkritik zu diskutieren. Als damals die Hohmann-Affäre anrollte, schaffte es das Magazin „Frontal21“ einen sehr guten und differenzierten Beitrag über die feine Linie zum Antisemitismus beizusteuern. Offensichtlich war bei Panorama die Motivation eine andere.

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