Neutral

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„Bei Israel ist hier niemand neutral.“ Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat mit „hier“ die etwa hundert Zuhörer im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gemeint, aber auch ganz Deutschland. Gefühlsgeleitet sei die Wahrnehmung etwa des Libanon-Krieges gewesen, gefühlsgeleitet aber auch die Wahrnehmung der Berichterstattung über ebendiesen Krieg. Das vorherrschende Gefühl unter den deutschen Juden – dies wurde bei dieser Diskussionsveranstaltung zum Thema „Der israelisch-arabische Konflikt im Blick der Medien“ deutlich – ist, um es zurückhaltend auszudrücken, Mißtrauen gegenüber der deutschen Presse, weil diese angeblich zu israelkritisch beziehungsweise zu araberfreundlich über den Libanon-Krieg und generell über den Nahost-Konflikt berichtet habe und berichte.

Fritz Pleitgen, der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, hat diesen Vorwurf für die ARD entschieden zurückgewiesen: Deren Sender und Korrespondenten hätten in ihrer Arbeit den eigenen hohen Ansprüchen genügt, nämlich wahrheitsgetreu, neutral und ausgewogen zu berichten. Entgegen landläufiger Meinung seien in der ARD zum Beispiel mehr Berichte aus Israel als aus dem Libanon gesendet worden. Salomon Korn behauptete unter Berufung auf eine Untersuchung des Instituts „Media Tenor“ indes das genaue Gegenteil: ARD und ZDF hätten überwiegend Berichte über die Kämpfe im Libanon gesendet, Israel sei tendenziell als Täter dargestellt worden, der Libanon dagegen als Opfer. Die Hizbullah-Terroristen seien faktisch nicht vorgekommen, dafür seien um so häufiger israelische Soldaten gezeigt worden. Erst nachdem er mit Verantwortlichen des ZDF über dieses Thema gesprochen habe, sei die Berichterstattung dort ausgewogener geworden, sagte Korn.

„Media-Tenor“ als Kronzeuge gegen die ARD – dies wollte Pleitgen keinesfalls akzeptieren. Und auch Günther Nonnenmacher, einer der Herausgeber dieser Zeitung, ließ erkennen, daß er dieses Institut für wenig seriös hält. Auch die Beispiele angeblicher Einseitigkeit der deutschen Presse, die Sacha Stawski, der Chefredakteur des Internetdienstes „Honestly Concerned„, präsentierte, mochten Pleitgen und Nonnenmacher nicht als Beweis anerkennen. Stawskis Auswahl, so Pleitgen, sei „total einseitig“ gewesen, auf einer solchen Basis lasse sich nicht diskutieren. Dennoch bot der Intendant an, die ARD-Berichterstattung über den Libanon-Krieg und den Nahost-Konflikt überprüfen zu lassen – und lud Korn ein, in einer solchen Kommission mitzuarbeiten. Möglicherweise gegen Ende des Jahres könne eine Untersuchung stattfinden, vielleicht mache ja auch das ZDF mit, dessen Fernsehrat Korn angehört. Pleitgen ist sich zwar recht sicher, daß das Ergebnis positiv für die ARD ausfallen wird, aber: „Es interessiert mich selbst, und es muß geklärt werden.“  HANS RIEBSAMEN


Text: F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 42

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