Iran: Über die Verfolgung der Bahai

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Iran: Über die Verfolgung der Bahai*

 
Wahied Wahdat-Hagh von Wahied Wahdat-Hagh, Kolumnist für WELT DEBATTE
 
 
In Iran nehmen die Übergriffe auf Bahai aller Altersgruppen in verschärfter Form zu. Verschwörungstheorien nähren den Boden für die staatliche Verfolgung. In einer breit angelegten und koordinierten Maßnahme verfolgt die iranische Regierung das Ziel, die Bahai-Gemeinden endgültig auszulöschen.

Bereits vor ca. 170 Jahren wurden bei einem zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Pogrom rund 20.000 Babi, Angehörige einer Vorläuferbewegung der Bahai-Religion, bestialisch getötet. Die Bahai-Gemeinde im Iran ist bis heute von der Vernichtung bedroht.

Zu Beginn der islamischen Revolution von 1979 wurden führende Persönlichkeiten der iranischen Bahai-Gemeinde hingerichtet, die Gemeindeadministration wurde verboten. Häuser und Landbesitz von Tausenden Bahai wurden konfisziert.

Heute dürfen die Bahai nicht an Universitäten studieren und sogar in Schulen werden Bahai-Kinder von Lehrkräften auf eine unerträgliche Art und Weise erniedrigt, weil sie Bahai sind.

Nicht ohne Grund sagte der kanadische Senator, Romeo Dallaire, Experte für Fragen des Genozids:
„Im Iran, wie auch in anderen Gegenden, wie beispielsweise in Darfur, wo Unrecht geschieht, muß die Internationale Gemeinschaft eingreifen können, bevor Zivilisten zu Schaden kommen.“ Er fügte hinzu:
„Ich mache mir große Sorgen darüber, dass die iranischen Bahai von dem Regime mit den verwerflichsten Absichten gezielt
ins Visier genommen werden.“

Den immer wiederkehrenden Verfolgungen gehen Verschwörungstheorien voraus, die die Bahai und ihre Geschichte verleumden und den Hass der Bevölkerung gegen sie schüren sollen.

Die Medien im Iran dienen dabei als ein Instrument verleumderischer staatlicher Propaganda, um die Pogromstimmung gegen die Bahai zu schüren. Der Mechanismus ist einfach: den Amerikanern, Westlern, Israelis und Bahai werden in feindseliger Art, stereotypisch generalisierend negative Eigenschaften zugeschrieben, wobei die eigene Haltung göttlich überhöht wird. Der „Feind“ wird dämonisiert, kraft einer obsessiven Wahnvorstellung für alles verantwortlich gemacht. Angestachelt durch die Propaganda, gesät von Hasspredigern, soll ihr Treibstoff des Hasses den finalen Kampf gegen die Ungläubigen und deren Vernichtung auslösen. Erst dann werde der islamische Gottesstaat gedeihen, glauben die Paten der religiösen Gewalt.

Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung der Hasspropaganda spielt das Sprachrohr des Führers der „Islamischen Republik“, die Zeitung Kayhan.

Verschwörungstheorien als Grundlage der Verfolgung

Als Grundlage dieser Verschwörungstheorien dienen beispielsweise die gefälschten Memoiren eines russischen Gesandten, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Iran lebte und Prinz Dolgorukov hieß.

Die Zeitung Kayhan behauptet, dass der Bab unter dem Einfluss des Russen Dolgorukov und anderen „einflussreichen und geheimen kolonialistischen Vereinigungen“ gestanden habe. Kayhan zitiert aus den gefälschten Schriften von Dolgorukov, der geschrieben haben soll, dass die Minderheit der schiitischen Bevölkerung des Iran gegen Russland mehrere Kriege geführt habe. Daher müsse eine neue Religion geschaffen werden, die „ohne Heimat“ sei, um den russischen Einfluss in Iran zu stärken. Dies ist wahrlich ein absurder Vorwurf gegenüber eine weltweit aktive Religionsgemeinde.

Die Verschwörungstheorie besagt, dass Bab ein Haschischraucher gewesen sei. Eines Tages habe Dolgorukov dem Bab, der angeblich im Rauschzustand gewesen sein soll, eingeredet der 12. Imam zu sein. In wachem Zustand habe der Bab, der von Dolgorukov sogar finanziert worden sei, um den russischen Interessen zu dienen, ständig gezögert einen religiösen Anspruch zu erheben. Dolgorukov habe einige Nächte mit ihm gemeinsam „Wein aus Schiras“ getrunken und dadurch schließlich sein Vertrauen gewinnen können, so dass der Bab seinem Rat schließlich folgte.

In den Memoiren werden Bab und Bahaullah, der Stifter der Bahai-Religion als russische Agenten dargestellt, die den Kollaps der islamischen Herrschaft herbeiführen wollten. Als Beweis dafür, dass Bahai russische Agenten des Zarenreiches seien, wird der Bau eines Tempels in Eshqabad genannt. Der Tempel wurde unter sowjetischer Herrschaft zerstört.

Kaum ein redlicher Historiker würde aber heute die fortschrittliche Rolle der Babi- und der Bahai-Religion für die Entwicklung der iranischen Gesellschaft in Frage stellen.

Parallelen zu den Protokollen des Weisen von Zion

Prof. Moshe Sharon vergleicht in einer Studie die Protokolle der Weisen von Zion mit den sogenannten Memoiren von Dolgorukov. Die Protokolle seien Fälschungen und die Memoiren einfache Lügen, so der renommierte israelische Wissenschaftler.

Die Protokolle waren ursprünglich eine satirische Schrift, ein Dialog zwischen Machiavelli und Montesquieu, geschrieben von dem Franzosen Maurice Joly. Diese Schrift erschien 1864 anonym. Ursprünglich spielen die Juden überhaupt keine Rolle. Diese Schrift erschien später auf russisch und die Rollen wurden ausgetauscht, den Juden wurde vorgeworfen die Welt zu beherrschen oder beherrschen zu wollen. Hitler profitierte von dieser Fälschung und in der islamischen Welt werden die Protokolle wieder eingesetzt, um ihre Hasspropaganda fortzusetzen.

Ähnlich fungieren die sogenannten Memoiren von Dolgorukov. Diese erschienen zunächst 1943 in Khurasan/Iran, ein Jahr später in Teheran. In dieser Verschwörungsgeschichte wird propagiert, dass die Babi und die Bahai der Beweis für eine Konspiration der Freimaurer, der jüdischen Zionisten und anderer seien, die alle den Islam zerstören wollten. Den Babi und den Bahai wurde vorgeworfen, dass sie alles tun würden, um den Feinden des Islam zu helfen, den Islam zu zerstören. Zudem gelten die Bahai wie die Juden als die Subjekte der globalen Konspiration.

Die Bahai sollen auch britische Agenten gewesen sein. Dann heißt es wiederum, dass neue Dokumente belegen würden, dass die Bahais auch mit den revolutionären russischen Bolschewisten zusammengearbeitet hätten. Die Bahais sollen sogar bei der Zerschlagung einer nordiranischen Rebellengruppe um Mirsa Kuchak Khan, in den 20er Jahren, mitgewirkt haben. Natürlich sollen sie auch mit dem KGB zusammengearbeitet haben.

Natürlich wird nach Belieben die Bahai-Religion auch als eine zionistische Angelegenheit dargestellt.
Es heißt: „Die Bahai-Religion ist eine Sekte, die die zionistischen Aktivitäten in den islamischen Ländern eigentlich verdecken sollte, um die Säulen der islamischen Herrschaft zu zerstören. Juden wollten unter dem Deckmantel der Bahai-Religion die islamische Welt unterwandern. Die Bahai wiederum hätten den Juden geholfen den „jüdischen Staat“ aufzubauen. Prinzipiell wird den Bahai vorgeworfen, dass sie „internationale Zionisten“ seien. Zwar seien die Erfinder der Bahai-Sache Russen und Engländer, so bleiben die Amerikaner in den Schauermärchen der islamischen Verschwörungstheorien auch nicht tatenlos, denn diese „stärken“ die Bahai.

Weitere Pogrome sind möglich

Solche Beschuldigungen gegenüber einer Religionsgemeinde, die weltweit über sieben Millionen Anhänger hat, entbehrt jeder Grundlage. Die Kayhan-Artikel mit den Verschwörungsideologien über die Bahai wurden kürzlich zu einem Buch zusammengetragen, das billig vertrieben wird. Es ist auch nicht das einzige Buch, das den revolutionären Mordgesellen und deren loyale Diener eine Legitimation für weitere Verfolgungen liefert. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass die islamische Diktatur und ihre Ideologen vom Himmel gefallen sind. Denn auch sie bereiten ihre Pogrome strategisch vor.

Die Bahai werden im übrigen nicht nur in Iran, sondern in der gesamten islamischen Welt verfolgt, besonders auch in Ägypten.

Bahai glauben in der Tat, dass Mohammad nicht der letzte Offenbarer Gottes gewesen, sondern dass nach ihm der Stifter der Bahai-Religion, Bahaullah, erschienen sei. Da im Islam Mohammad als das „Siegel der Propheten“ gilt, werden die Bahai als blasphemische Abtrünnige betrachtet. Für Abtrünnige ist im Islam die Todesstrafe vorgesehen.

 

*Zuerst veröffentlicht bei WELT Online. Für die Rechte zur Weiterveröffentlichung bedanken wir uns beim Autor.

 

 

 

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