Iran: Die Antworten auf die Raketenabwehr

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Iran: Die Antworten auf die Raketenabwehr

Wahied Wahdat-Hagh von Wahied Wahdat-Hagh, Kolumnist für WELT DEBATTE

Eine Studie des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages kommt zu dem Schluss, dass die Raketenabwehr keine Sicherheitsgarantie vor potentiellen Angriffen aus Iran und Nordkorea bietet. Gleichzeitig drohen offizielle Instanzen des iranischen Regimes mit einem asymmetrischen Krieg. Gegen Terroreinheiten, die mit schmutzigen Waffen unterwegs sind, würde die Raketenabwehr tatsächlich wenig bewirken.

Warum eine Raketenabwehr?

Die geplante Stationierung eines Abwehrsystems in Tschechien und Polen, das Global Missile Defense (GMD), wird in Europa kontrovers diskutiert. Der Physiker Daniel Lübbert hat gemeinsam mit zwei seiner Kollegen vom wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages eine Studie zum Problem der Raketenabwehr verfasst. Demnach kritisieren Gegner des Abwehrsystems die Tatsache, dass Schurkenstaaten wie Iran und Nordkorea sehr einfach Gegenmaßnahmen treffen könnten. Zudem könnte die Raketenabwehr eine neue Aufrüstungsspirale herbeiführen, denn das Gleichgewicht mit Russland werde dadurch gestört. Zudem sei die Abwehr in letzter Instanz nicht absolut treffsicher.

Die US-Regierung geht dagegen davon aus, dass durch die geplante Raketenabwehr das Territorium der USA, ihrer europäischen Verbündeten, sowie ihre im Ausland eingesetzten Truppen vor ballistischen Raketenangriffen geschützt werden kann. Angreifende Raketen sollen in verschiedenen Flugphasen wirksamer als je zuvor abgewehrt werden. Seit Mitte der achtziger Jahre soll die USA insgesamt etwa hundert Milliarden US-Dollar für die Forschung und Entwicklung von Raketenabwehrsystemen ausgegeben haben.

Beispielsweise hat Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik auf potentielle Fähigkeiten des Iran, Europa mit Atomraketen anzugreifen, verwiesen. Es geht schließlich nicht mehr ausschließlich um den Umgang mit Russland.

Einige Beispiele für eine Raketenabwehr

Die Abwehr kann in verschiedenen Flugphasen die angreifende Rakete durch Kollision oder aber mit Laserabwehrsystemen abschießen. Zudem kann das GMD an Land, auf See, in Flugzeugen oder im Weltraum stationiert werden. Offenbar ist das Abfangen von Raketen technisch sehr schwer. So werden mindestens 1.600 Abwehrraketen im Weltraum erforderlich sein, um eine iranische Rakete fünf Sekunden vor Brennschluss abzufangen. Der Preis für ein weltraumgestütztes Abwehrprogramm könnte zwischen 27 und 78 Milliarden Dollar betragen.

Theoretisch können durch moderne Lenksysteme von Abwehrraketen Raketen durch direkten Zusammenprall zerstört werden. Die Kosten für bodengestützte Abwehrraketen, die gegen iranische Raketen wirksam wären, werden auf 16 bis 37 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Die Studie beschreibt die Tatsache, dass Raketenabwehrsysteme nicht schneller sind als angreifende Raketen. Besonders im Falle eines großflächigen Landes wie des Iran, wo potentielle Abschussorte vorher nicht bekannt sind, können Probleme im Abwehrsystem auftauchen. Probleme können auch entstehen, wenn mehr Raketen stationiert werden, als das Verteidigungssystem abfangen kann. Wenn jede Rakete mehr als einen Sprengkopf trägt, kann der Fall eintreten, dass chemische oder biologische Kampfstoffe entlang der Flugbahn vor der Explosion der Hauptbombe explodieren. Zudem können Radaranlagen gestört werden, Überwachungssatelliten abgeschossen und Attrappen die Identifizierung von Gefechtsköpfen verhindern sowie Gefechtsköpfe hinter fliegenden metallbeschichteten Attrappen versteckt werden.

Bei der Startphasenabwehr sollen die Trägerraketen vorzeitig zerstört werden. Aber auch hier könnte das Problem entstehen, dass zwar der angreifende Sprengsatz sein eigentliches Ziel nicht erreichen kann, aber die Zivilbevölkerung von Nachbarstaaten dennoch gefährdet.

Eine absolut zuverlässige Raketenabwehr sei kaum möglich. Die Schwierigkeit vergleichbar mit der Kunst eine Gewehrkugel mit einer zweiten abzuschießen. Moderne Abwehrsysteme haben zwar Zielerkennungs- und Steuersysteme, aber Raketen seien schneller als Gewehrkugeln, was den Abschuss erschwere. Zumal politische Entscheidungen gefällt werden müssen, die Zeit kosten würden und einen Abschuss verzögern oder gar unmöglich machen könnten. Es geht um Sekunden und politische Entscheidungen brauchen meist länger.

Die Studie kommt insgesamt aber zu einem differenzierten Schluss. Einerseits sei ein Schutzschild gegen eine größere Anzahl von Raketen schwer realisierbar. Andererseits könne ein modernes Abwehrsystem – neuere Systeme unterliegen der militärischen Geheimhaltung – sehr wohl eine begrenzte Anzahl von Raketen mit einer gewissen Trefferwahrscheinlichkeit zerstören.

Irans Raketenprogramm und der asymmetrische Krieg als Gegenstrategie

General Rahim Safawi erklärte gegenüber Mehrnews, wie der Iran sich gegen einen Angriff „verteidigen” müsse. Er sagte: „Heute können wir den Feind mit unseren ballistischen Raketen von einem Angriff abhalten.” Diese würden gegenwärtig in Serien hergestellt. Er fügte hinzu: „Unsere Raketenindustrie ist in einer sehr guten Lage. Es wird nicht so sein, wie die Amerikaner es sich vorstellen. Wir haben die nötigen Vorkehrungen längst getroffen, um unsere Raketen vor den Drohungen der Feinde zu schützen.”

Zudem verfolge das iranische Militär General Safawi zufolge seit vier Jahren die Strategie des „asymmetrischen Krieges.” Wenn der Feind eine bessere militärische Ausrüstung habe, werde auf den „Menschen” gesetzt. Dann stütze sich das iranische Militär auf die „mutige fromme und vernünftige Kraft.” In kleinen autarken und mobilen Einheiten werde der Feind bekämpft werden. Er sprach in diesem Kontext von „horizontalen Verteidigungskräften, die wie Mosaiksteine zusammengezogen werden.” Landesweit in den Provinzen seien Bassiji-Einheiten organisiert worden, die bereit seien zu kämpfen.

Safawi setzt nicht nur auf die Modernisierung der Rüstung, sondern auch auf die Masse von Kombattanten. Er befiehlt eine Zwanzig-Millionen-Armee von Bassijis.

Die Bassiji-Einheiten machten sich während des achtjährigen Krieges als Selbstmordsoldaten einen Namen. Jugendliche liefen auf Mienen, um nachfolgenden Einheiten den Weg frei zu machen. Die Bassiji wurden später ein Modell für die islamistischen Selbstmordattentäter anderer Organisationen, besonders der libanesischen Hisbollah.

Schwächung der westlichen Interessen kraft regionaler Bündnisse und Förderung des Terrorismus

Neben dem Ausbau der Raketenindustrie und der Organisation von kleinen Terrorgruppen verfolgt der Iran eine außenpolitische Strategie der Destabilisierung der westlichen Interessen in den Nachbarstaaten. Diese vom iranischen Staatsführer Ali Khamenei erklärte außenpolitische Strategie beruht auf Verteidigungsbündnissen mit Nachbarstaaten.

General Rahim Safawi schlägt sogar ein Bündnis mit Saudi-Arabien vor, um die Positionen der USA in der Region zu schwächen.

Von Kuba lernen

Das iranische Regime reagierte konkret auf das Raketenabschirmprogramm der USA. Farsnews meldete, dass die iranische Regierung mit den Staaten, die insbesondere vom „zionistischen Regime” bedroht würden, gemeinsame Militärbündnisse abschließen werde. Die militärische Zusammenarbeit mit Syrien müsse daher ausgebaut werden. Ein iranischer Militärexperte schlug die kubanische Strategie als Modell vor. Castro habe nach dem Sieg der kubanischen Revolution 36.000 kubanische Soldaten nach Angola geschickt, um die Konterrevolutionäre im Dienste der USA zu besiegen. Kräfte, die iranischen Interessen in diesem Sinne dienen könnten, seien Syrien und die libanesische Hisbollah.

Raketenabwehr ist kein Allheilmittel gegen den asymmetrischen Krieg

Dies alles zeigt, dass Europa gemeinsam mit den Vereinigten Staaten von Amerika jenseits der rein militärischen Raketenabwehr weitere Strategien zur Eindämmung der islamistischen Diktatur und der Schaffung von Frieden und Demokratie im Mittleren Osten unternehmen müssen. Zumal der marktorientierte „kritische” und „konstruktive” Dialog mit dem Iran gescheitert ist.

Europa sollte sowohl das iranische Raketenprogramm als auch die Drohungen eines asymmetrischen Krieges ernst nehmen. Feststeht, dass eine Raketenabwehr gegen massiv auftretende kleine Gruppen von Terroreinheiten, die potentiell mit schmutzigen Waffen ausgestattet sind, keinen Schutz für Europa bietet.
 

 

 

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