Kommentar: Bush ist keine lahme Ente

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Jerusalem, 10. Januar 2008 – Bis zum letzten Tag seiner Amtszeit im Januar 2009 ist und bleibt George W. Bush der mächtigste Mann der Welt, auch wenn er in seiner Heimat schon als „lahme Ente“ abgeschrieben worden ist. Da er nicht wieder gewählt werden kann, kann er sich jetzt ganz der Außenpolitik widmen. Innerhalb eines Jahres will er den hundertjährigen Nahostkonflikt lösen.  Spätestens bei seiner Visite in Jerusalem und Ramallah bemerkte er, dass die Dinge nicht so einfach gelagert sind wie in Texas.
Sein Bestreben, mit einem positiven Akzent in die Geschichte einzugehen und gar in Oslo den begehrten Friedenspreis zu ernten, ist so abwegig nicht. Er tut es in peinlicher Weise seinem Amtsvorgänger Bill Clinton gleich. Der hatte die gleiche Begierde. Während Bush noch ein ganzes Jahr vor sich hat und immerhin mit einem „Nahosttreffen“ in Annapolis mit der Beteiligung von 67 Ländern das ambitiöse Nahostexperiment startete, hatte Clinton nur knapp ein halbes Jahr vor seinem Abtreten seine große Nahost-Konferenz einberufen: Camp David im Juli 2000. Clinton lud Jassir Arafat und Ehud Barak zur Klausur ein, damit die Streithähne sich einigen mögen. Bekanntlich kam kein weißer Rauch aus Schornsteinen der amerikanischen Blockhäuser im Feriensitz des Präsidenten. Bush Naivität vorzuwerfen, den Nahostkonflikt im Handumdrehen innerhalb von nur 12 Monaten lösen zu können, müsste erst einmal gegen Clinton gerichtet sein.
Unter Clinton kamen immerhin, ohne amerikanisches Zutun, die ersten direkten Verhandlungen zwischen Israel und der PLO und die Osloer Verträge zustande. Ihnen hatten die Palästinenser eine Rückkehr Arafats in die Heimat und einen israelischen Rückzug aus allen palästinensischen Städten sowie eine Selbstverwaltung zu verdanken. Bush hat Arafat zwar aus guten Gründen boykottiert, dennoch nicht den leidigen Konflikt aus den Augen verloren, trotz 11.9., trotz Afghanistan und Irak, trotz Iran  und anderen Themen, die einen amerikanischen Präsidenten beschäftigen. So war es Bush, der als erster amerikanische Präsident die „Vision“ eines palästinensischen Staates äußerte. Der gläubige Bush könnte da als realitätsfern gelten, doch bekanntlich kann Glaube ganze Berge versetzen. Und ohne „Vision“ kann kein Politiker etwas bewegen. Denn die Alternative zur Vision ist das Einbetonieren eines status quo. 
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