Dicke Luft in Jerusalem

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Jerusalem, 18. März 2008 – Muammar Ghadafi ließ grüßen, als der deutschen Bundeskanzlerin vor der Knesset in Jerusalem mit rotem Teppich, beiden Hymnen und vielen schwarz-weiß-goldenen Flaggen der große Bahnhof gemacht wurde. Sandpartikel aus Libyen und eine drückende Hitze hatten den Himmel in eine gelbe Wand verwandelt, die Sicht trübend und die Atemwege kratzend. Doch das ungewöhnliche Frühlingswetter konnte die gute wie feierliche Stimmung nicht trüben, als Angela Merkel in Begleitung von Knessetpräsidentin Dalah Itzik, beide übrigens in Hosenanzüge gekleidet, das wuchtige Parlamentsgebäude betraten. „Traklin“, einem römischen Wort für den Hof einer Villa nachempfunden, heißt der Saal, wo Merkel unter einem riesigen Wandteppich von Marc Chagall zum Essen eingeladen war und erneut den Holocaust, die „einzigartigen“ Beziehungen und die Zukunft beschwor. Auch Iran und sein Nuklearprogramm fehlten nicht bei der politisch-korrekten Tischrede der deutschen Bundeskanzlerin.
„Die ganze Knesset war auf Hochglanz gewienert worden“, berichtet stolz am Mittag der Knesset-Kanal, dessen Bild- und Tonsignal die Direktübertragung der Rede auch nach Deutschland gewährleistet. Als Bundespräsident Horst Köhler seine Rede vor der Knesset hielt, gab es da eine kleine Panne. Nachdem Köhler sich nämlich erst einmal ausführlich in bestem Hebräisch an die Abgeordneten wandte, was jene verwirrte, die den Saal verlassen wollten, um nicht die deutsche Sprache, also „die Sprache der Nazimörder“, hören zu müssen, war alles noch in Ordnung. Doch sowie Köhler dann doch auf Deutsch fortfuhr, zogen die Techniker den Hebel zu Köhler Mikrofon runter. In Deutschland war dann nur noch die hebräische Simultanübersetzung zu hören.
Diesmal hatten sich nur noch zwei Hinterbänkler mit Protest gegen die deutsche Rede der Kanzlerin profiliert und behauptet, dass die deutsche Sprache in den Ohren von Holocaustüberlebenden schmerze. Dabei waren doch recht viele Überlebende zu Merkels Empfang am Abend zuvor gekommen, darunter auch Salomon Sally Perel. Auf seiner Visitenkarte ist unter dem Namen der Film „Hitlerjunge Salomon“ angeführt. Denn er hatte als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat die Nazizeit überlebt.
Als Merkel schließlich den mit einem großen Blumengebinde zwischen den Regierungstischen betrat, erhoben sich die Abgeordneten, allerdings um die Anwesenheit des Staatspräsidenten Schimon Peres zu ehren.
Wie schon bei anderen feierlichen Reden fremder Gäste, wurde eine wichtige Regel in der Knesset umgestoßen. Es durfte applaudiert werden, was sonst verpönt ist. Den ersten Applaus erhielt Merkel, nachdem sie ihre Begrüßungsworte auf Hebräisch gesprochen hatte. Ungewöhnlich und ziemlich ungewohnt war auch das disziplinierte Benehmen der Abgeordneten, darunter Juden und Araber, Moslems wie Christen, Holocaustüberlebende und im Land geborene, Einwanderer aus Europa und aus den arabischen Ländern. Die Knessetvorsitzende stammt selber aus einer Familie aus dem Irak. Die Debatten in der Knesset können leicht sehr temperamentvoll werden, mit Zwischenrufen und Tumulten.
Ausgerechnet Oppositionschef Benjamin Netanjahu, der wie zuvor die Knessetvorsitzende und Regierungschef Olmert, alle zentralen Punkte aufzählte vom Holocaust über die Zukunft und bis zur Atombedrohung durch Iran, ging auf die wenigen leeren Plätze im Plenum ein: „Nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Das ist nicht gegen Sie gerichtet. Aber der Schmerz ist halt noch tief.“
Merkel beendete ihre Rede auf Hebräisch mit einem „Masel Tov“ zum 60. Geburtstag Israels, worauf sie von den Volksvertretern und hunderten geladenen Gästen auf der Tribüne stehend Applaus erhielt.
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