Statt Heldentod nur eine namenlose Leiche

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Jerusalem, 2. September 2008 – „Früher nannte man das Heldentod, heute nicht mehr“, sagte Oberstleutnant Jensch vom Informationsstab der Bundeswehr in Berlin auf telefonische Anfrage. Anlass für die Nachfrage war ein obskurer Agenturbericht: „Am vergangenen Mittwoch hat die Bundeswehr die Leiche des bei einem Sprengstoffanschlag in Afghanistan umgekommenen deutschen Soldaten nach Deutschland gebracht. Sie traf am Samstagabend um 19.50 Uhr mit einem Airbus der Luftwaffe auf dem Flughafen Köln-Wahn ein. „In würdiger Form nahmen seine Angehörigen und eine Abordnung des Fallschirm-Jägerbataillons 263 den toten Soldaten in Empfang“, hieß es in einer Mitteilung.“
Da kommt also die namenlose Leiche eines Soldaten angeflogen, der nicht einmal einen Rang zu haben scheint. Als die Luftwaffenmaschine schon losgeflogen war, ergaben Nachfragen einer Redaktion, dass die Maschine „voraussichtlich noch heute landen“ werde. So wurde verhindert, dass die Presse bei der Landung anwesend sein konnte. „Die Familie wollte bei der Ankunft keine Presse dabei haben“, rechtfertigte Jensch das Vorgehen. An der Trauerfeier in der Heilig-Kreuz-Kirche in Zweibrücken nahmen Verteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, teil. Inzwischen wurde aus der „Leiche“ oder dem „deutschen Soldaten“ immerhin Hauptfeldwebel M. . Auf der Homepage der Bundeswehr war zu erfahren, dass M. eine Familie und eine „Lebensgefährtin“ hatte. Doch nicht einmal das Alter des Gefallenen wurde genannt.
Soweit zu diesem Fall. Der dient nur beispielhaft für den Umgang der deutschen Gesellschaft und der Bundeswehr mit gefallenen Soldaten. So wurde nirgendwo erwähnt, wie viele deutsche Soldaten bisher beim Einsatz in Afghanistan seit 2001 gefallen sind, durch Unfälle, im Kampf oder infolge von Anschlägen der Taliban. Im Gegensatz dazu eine typische Agenturmeldung vom Dienstag: „Knapp sieben Jahre nach dem Beginn des US-Einsatzes in Afghanistan ist der 500. amerikanische Soldat in dem Land am Hindukusch getötet worden. Der 36 Jahre alte Joshua Harris, ein Marinesoldat aus dem Bundesstaat North Carolina, sei bereits am Samstag bei Kämpfen in der südafghanischen Provinz Helmand ums Leben gekommen.“ Bei den Amerikanern spielt die Zahl der eigenen Verluste offenbar eine große Rolle. Auffällig sind auch die exakten Angaben zur Person des Toten, mitsamt vollem Namen, Alter und Herkunft.
Anfragen in Deutschland ergaben, dass man die Familien schützen wolle, und deswegen nicht die Namen veröffentliche. Den Gebräuchen in anderen demokratischen Ländern wie USA und Israel entspricht die Praxis, erst eine „Nachrichtensperre“ zu verhängen, im Falle Israels auch „Zensur“ genannt, „damit die Familien den Tod nicht aus der Presse erfahren“, sagte Jensch.
Doch bei der Anonymisierung gefallener Soldaten fragt sich, wie denn die deutsche Bevölkerung am Tod von Männern Anteil nehmen kann, die im Namen des deutschen Volkes von der gewählten Regierung ausgeschickt worden sind, die Sicherheit Deutschlands zu verteidigen. Will die deutsche Bevölkerung gar nicht am Schmerz der betroffenen Familien teilhaben oder will die Regierung den Tod deutscher Soldaten aus dem Rampenlicht heraushalten, aus welchen Gründen auch immer? „Das sind doch Freiwillige, die dafür bezahlt werden“, wandte ein Bundeswehroffizier als mögliches Erklärungsmuster im Privatgespräch ein. Doch „freiwillig“ und natürlich „bezahlt“ sind auch amerikanische und israelische Offiziere, die für ihr Land mit dem Leben bezahlen.
In Israel dauert es oft Stunden, bis die Medien über militärische Ereignisse mit Dutzenden Toten berichten dürfen, wie etwa bei einem Zusammenstoß von zwei mit Mannschaften voll beladenen Hubschraubern. Aus Pietät und Rücksicht sollen die Familien durch ein eingespieltes Team von Offizieren und Psychologen die schlimme Nachricht erfahren, und nicht durch die Medien. Anstelle der in Deutschland üblichen Trauerfeier, ist das Begräbnis der Augenblick, wo eine Ehrengarde Salutschüsse abgibt und Gedenkreden gehalten werden. Nicht immer nimmt ein Minister am Begräbnis teil, doch seit einigen Jahren hat es sich eingebürgert, dass der Staatspräsident wenige Tage nach dem Begräbnis den Familien einen Beileidsbesuch abstattet.
In den Medien wird den Todesopfern, gefallenen Soldaten wie zivilen Terroropfern, maximale Aufmerksamkeit geschenkt. Die Zeitungen widmen ihnen ganze Seiten mit Fotos aus dem Familienalbum und Interviews mit der Freundin und den Eltern. Ähnlich gehen Radio und Fernsehen vor, wobei Politiker und andere, die an dem Tag auftreten, erst einmal den Angehörigen ihr persönliches Beileid aussprechen. Ähnlich wie in Deutschland redet in Israel niemand von einem „Heldentod“. Doch ganz anders als in Deutschland wird bei jedem Toten des Konflikts mitgefühlt, als sei es ein persönlicher Bekannter. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Tote Jude, Christ oder Moslem war. Nur ganz selten bittet eine Familie darum, den Namen des gefallenen Sohnes nicht zu veröffentlichen, wie kürzlich im Falle von Beduinen, die gesellschaftlichen Ärger befürchteten, falls ihre Nachbarn erführen, dass der Sohn bei der Armee gedient habe. Müssen etwa auch deutsche Familien aus ähnlichen Gründen „geschützt“ werden?
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