Jerusalems neuer Bürgermeister

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Jerusalem, 12. November 2008 – „Jerusalem, jene Stadt, die König David zur Hauptstadt gemacht hat, erlebt jetzt einen historischen Augenblick“, sagte der smarte Geschäftsmann Nir Barkat, 49. Er meinte ganz unbescheiden seine Wahl zum Bürgermeister. Im maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug mit blauem Schlips und konservativem weißen Hemd präsentierte er sich im King David Hotel exakt 30 Minuten lang der ausländischen Presse.
Barkat war sechs Jahre lang Berufssoldat bei den Fallschirmspringern und wurde dank Computerfirmen, die er gegründet hat, ein Multimillionär. Entsprechend redete er in gutem Amerikanisch von „win-win-Situationen“, falls es ihm gelingen sollte, Jerusalem vom Müll zu befreien und dann auch noch zehn Millionen Touristen in die Stadt zu bringen oder den Lebensstandard in den bislang vernachlässigten arabischen Vierteln der Stadt zu heben. Anstelle der sündhaft teuren Straßenbahn, für deren Bau im Augenblick die gesamte Stadt „aufgegraben“ ist, was zu unerträglichen Verkehrsstaus führt, will Barkat lieber „neue Technologien“ einführen, zum Beispiel superlange Busse.
Ganz im amerikanischen Stil kam bei ihm immer wieder das Wort „change“ vor, was doch Barack Obamas Schlagwort war. Eine seiner originellen Ideen für einen „Wandel“ in der 3000 Jahre alten Stadt soll die Wiederbelebung der Stadtviertel-Räte sein, die freilich sein legendärer Vorgänger Teddy Kollek eingeführt hatte. Es sei eine „win-win-Situation“, wenn man die Bürger in ihren eigenen Vierteln dazu bewegen könne, zum Beispiel für mehr Sauberkeit auf den Straßen zu sorgen und so die Lebensqualität zu verbessern.
Immerhin sagte der weltlich ausgerichtete Barkat, dessen schärfster Rivale beim Wahlkampf ein ultraorthodoxer Rabbi mit langem Bart war, dass er jetzt der Bürgermeister „aller legalen Bürger der Stadt“ sein wolle. Auf die Frage, was er denn mit den vermeintlich nicht-legalen Bürgern tun wolle, antwortete Barkat: „Jedes Land sollte definieren, wer in seinen Grenzen leben darf und wer einen legalen Status hat. 250.000 Araber leben legal in Jerusalem, aber es gibt auch Migranten in großen Zahlen.“ Die müssten „aussortiert“ werden.
Barkat, ein Verfechter des „vereinten Jerusalem“, ist sehr „unhappy“ (unglücklich) mit dem Vorgehen des Wakf, der muslimischen Behörde auf dem Tempelberg. Da gebe es illegale Grabungen und den illegalen Bau einer unterirdischen Moschee, ohne professionelle Überwachung der Antikenbehörde und der Polizei. Das alles werde er stoppen. Alle sollten die israelischen Gesetze einhalten.
Barkat will den „status quo“ zwischen Juden und Arabern wie zwischen weltlichen und orthodoxen Juden einhalten. Danach gefragt, welche Erfahrungen er denn mit den Christen in Jerusalem gesammelt habe, zumal es kürzlich wegen Verstößen gegen den Status quo in der Grabeskirche zu Prügeleien zwischen Griechen und Armeniern gekommen ist, antwortete Barkat, als hätte er die Frage nicht richtig verstanden. „Ich war neulich in Washington und habe da christliche Führer getroffen, echte Freunde Israels, die Israel lieben und Jerusalem stärken wollen. Mit denen müssen wir gute Beziehungen pflegen, um den Tourismus nach Jerusalem zu fördern. Das schafft Arbeitsplätze für alle, Christen, Moslems wie Juden.“ Bessere Beziehungen zu den Christen könnten auch zu mehr Investitionen führen. 
Dass es alteingesessene, fast 2000 Jahre alte christliche Gemeinden in Jerusalem gibt und christliche heilige Stätten, scheint Barkat nicht zu wissen. Immerhin wurde er in Jerusalem geboren und hat dort auch sein ganzes erwachsenes Leben verbracht.
Eine israelische Journalistin, Peggi Sidor, die zuvor Barkats hebräische Pressekonferenz besucht hatte und sein Arbeitsprogramm genau kennt, räumt ihm „großen Kredit“ ein. Er sei „gradlinig wie ein Lineal“, könne dank seines Vermögens „von niemandem gekauft werden“ und habe den Vorteil, keiner Partei anzugehören. Barkat sei kein Intellektueller und habe keine politische Ambitionen, wie sein Vor-Vorgänger Ehud Olmert. Der hatte Jerusalem als Bürgermeister vernachlässigt und die heilige Stadt nur als Sprungbrett in Richtung Regierung benutzt. „Hoffentlich schafft Barkat es, lediglich 10 Prozent seiner Ideen und Pläne zu verwirklichen. Das wäre für Jerusalem ein Segen“, sagte sie über den „gelegentlich naiven“ aber „Jerusalem völlig verfallenen und engagierten“ Barkat.
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