Zweifrontenkrieg in Nahost

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Jerusalem, 26. Dezember 2008 – „Das ständige Bombardement auf israelische Bürger nahe dem Gazastreifen ist ein Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die Menschheit. Der Staat Israel muss seine Bürger beschützen.” Das schreibt in einem Leitartikel der linksgerichtete israelische Schriftsteller und Heine-Preisträger Amos Oz.
Die radikal-islamische Hamas im Gazastreifen setze alles dran, Israel zu einem Militäreinsatz im Gazastreifen zu provozieren. Hunderte tote palästinensische Zivilisten infolge eines israelischen Einmarsches würden das politische Ende des Präsidenten der Autonomiebehörde in Ramallah, Mahmoud Abbas bedeuten und den Extremisten die Chance bieten, auch das Westjordanland zu übernehmen. Während der Weihnachtstage mussten die israelischen Grenzbewohner bis zu hundert Raketeneinschläge pro Tag durchstehen. Dutzende Kinder wurden mit Schock in die Krankenhäuser eingeliefert. Weil niemand Druck auf die Hamas ausübt und die internationale Gemeinschaft wenig Mitgefühl mit den israelischen Grenzbewohnern empfinde, würde allein Israel zur „Mäßigung” aufgerufen werden. Das Kalkül der Hamas sei kaltblütig und menschenverachtend: sollte es israelische Opfer geben, gut so. Sollte es viele palästinensische Opfer geben, noch besser. Amos Oz ruft deshalb seine Regierung auf, „besonnen und ohne aufwallende Emotionen” gegen die Hamas vorzugehen.
Der gut gemeinte Rat des angesehenen Schriftstellers spiegelt sich auch in den öffentlichen Diskussionen um einen bevorstehenden Einmarsch in den Gazastreifen wider. Ministerpräsident Ehud Olmert rief im arabischen Fernsehsender Al Arabia die Bevölkerung im Gazastreifen auf, „der Hamas zu sagen, sie möge aufhören, Unschuldige zu beschießen.” Weiter sagte er: „Ich bin nicht gekommen, eine Kriegserklärung auszusprechen.” Aber Israel habe eine „große destruktive Kraft”, warnte Olmert, und bezeichnete die Hamas als „Mörder, die nicht im Sinne des Islam” handeln.
Die Hamas hatte am 19. Dezember einen sechs Monate lang währenden Waffenstillstand aufgekündigt, aber schon im November den Beschuss Israels mit „selbstgebastelten” Raketen erneuert. Diese Raketen, teilweise von Iran geliefert und teilweise in Massenproduktion im Gazastreifen hergestellt, haben inzwischen eine Reichweite bis Beer Schewa, Aschkelon und Aschdod. Am ersten Weihnachtstag zählten die Israelis die zehntausendste Rakete aus dem Gazastreifen.
Die Hamas veröffentlichte mehrere Rechtfertigungen für den Raketenbeschuss. Mal ist es die unmittelbare „Rache” für das Töten von Raketenschützen, die Israels Luftwaffe unmittelbar vor oder nach dem Abschuss von Raketen auf Sderot aus der Luft getroffen hat. Der führende Hamaspolitiker Mahmoud A-Sahar redete vom „Recht auf Widerstand gegen Besatzer”. Und an die Adresse der westlichen Welt wird der Raketenbeschuss auch als legitimer Protest gegen Israels Blockade und die Schließung der Grenzübergänge dargestellt.
Doch das Vorgehen der Hamas entbehrt da jeglicher Logik. Am Mittwoch verfügte Verteidigungsminister Ehud Barak eine Öffnung des Kerem Schalom Übergangs, um einen ägyptischen Hilfskonvoi durchzulassen. Er machte einen Stopp der Raketenangriffe zur Bedingung, wie es auch Ägypten von der Hamas gefordert hatte. Als die Lastwagen gerade starten wollten, regnete eine Raketensalve auf Israel herab. Der Grenzübergang wurde sofort wieder geschlossen, ehe die dringend benötigten Nahrungsmittel und Medikamente nach Gaza rollen konnten.
Am Donnerstag wollten über hundert palästinensischen Christen aus dem Gazastreifen mit israelischer Sondergenehmigung den Erez-Übergang zur Fahrt nach Bethlehem passieren. Eine Mörsergranate der Hamas durchschlug das Dach des Kontrollgebäudes und landete inmitten der Pilger. Wäre die Granate explodiert, hätte es ein Blutbad gegeben. Sowie die Christen eingereist waren, sperrte Israel wieder die Grenze.
Weil Ägypten im Falle eines israelischen Einmarsches in den Gazastreifen eine Massenflucht von Palästinensern in Richtung Sinai befürchtet, hat Kairo seine Truppen entlang der Grenze verstärkt, um das zu verhindern.
Kriegsgefahr droht auch im Norden. Mitten in dem von UNO-Friedenstruppen kontrollierten Gebiet im Südlibanon, nahe dem UNO-Hauptquartier in Nakura, fünf Kilometer vor der Grenze zu Israel, entdeckten Soldaten der libanesischen Armee acht abschussbereite Katjuscha-Raketen mit eingestellten Zeitzündern. Sie waren auf Israel gerichtet. Unklar ist, ob die Hisbollah die Raketen aufgestellt hat oder eine andere Dschihad (Heiliger Krieg) Organisation. Israelische Militärs befürchten einen Zweifrontenkrieg gegen die Hamas im Gazastreifen und gegen die voll wieder aufgerüstete Hisbollah im Libanon.

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