Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit

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Jerusalem, 5. Januar 2009 – Ausführlicher könnte der Lagebericht des israelischen Militärsprechers kaum sein: „Das Vorrücken im Gazastreifen erfolgt nach Plan. Die Soldaten erfüllen ihre Mission.“ Mehr ist über das Eindringen israelischer Truppen nicht zu erfahren. Angeblich wurde der Gazastreifen in drei Teile zerschnitten. Die Soldaten positionierten sich außerhalb dicht besiedelter Gebiete und führen gezielte Kommandounternehmen gegen gründlich ausspionierte Hamas-Stellungen und Verstecke aus. Den Israelis mangelt es nicht an willigen Kollaborateuren: abgetauchte Fatah-Leute. Dutzende wurden angeblich von der Hamas hingerichtet, als sie verletzt in die überfüllten Krankenhäuser gelangten. Nachprüfen lässt sich nichts. Die Auslandspresse muss sich damit begnügen, von Hügeln und Hausdächern in Ägypten oder Israel das Geschehen aus der Ferne zu beobachten. Man hört Gewehrfeuer und Explosionen. Man sieht Stichflammen, Rauchpilze wie von kleinen Atombomben und malerisches Feuerwerk, wenn die israelische Artillerie Phosphorgranaten verschießt. So werden Bunker und Minen großräumig ausgeräuchert. Viele kleine Feuerbälle regnen vom Himmel herab. Im Gazastreifen halten sich nur Korrespondenten arabischer Fernsehsender auf, zum Beispiel Al Dschesira. Dessen Korrespondenten, mit Helm und Kugelschutzjacke gut verpackt, berichten auch nur aus sicherer Entfernung vom Dach eines Hochhauses. Sie bringen Bilder der gleichen Explosionen und Rauchpilze, lediglich aus einem anderen Blickwinkel. Und dann hält sich ein Team beim Schifa-Hospital auf, wo Ambulanzen Tote und Verletzte anliefern. Bis Montag Morgen waren es 509 Tote und über 2000 Verletzte. Die Kamera hält mit Vorliebe auf blutverschmierte Kinder und schaut ihnen pietätlos in die toten Augen. Doch nach Angaben der UNO seien zwei Drittel der Toten Männer im Kampfesalter, viele in Tarnuniform. Was aber genau der toten Großmutter im Flüchtlingslager Seitun und ihren beiden Enkeln widerfahren ist, warum ein israelischer Panzer eine Granate auf ihr Haus abgeschossen hat, erfährt man von palästinensischen Augenzeugen nicht. Getötet wurde auch ein Elternpaar mit fünf Kindern im Flüchtlingslager Schati. Ihr Haus wurde von der Granate eines israelischen Kriegsschiffes getroffen. Die Umstände lassen sich nicht ermitteln, zumal Israel ungewöhnlich effektiv einen Mantel der Verschwiegenheit über den Gazastreifen gestülpt hat. In täglichen Trefferlisten der Militärs kommen nur Raketenstellungen, Waffenlager, Bunker und andere legitime Ziele vor, nicht aber das Haus der siebenköpfigen Familie in Schati. Die wenigen noch verbliebenen Hamas-Sprecher verwickeln sich in Widersprüche. Sie protzen mit riesigen Erfolgen, Dutzenden toten oder gekidnappten israelischen Soldaten. Dann aber kommt kleinlaut: „Nein, Sie haben falsch verstanden. Die Überraschungen heben wir uns auf, sowie die Zionisten in bewohnte Gebiete vordringen.“ Ähnliche Zukunftsvisionen verbreiten auch Hilfsorganisationen. Die Volltreffer der Raketen der Hamas auf leere Schulgebäude und Kindergärten in Israel, Wohnhäuser in Aschkelon, Sderot, Javne oder Aschdod, interessieren die UNRWA oder Oxfam nicht weiter, auch nicht die Pläne der israelischen Armee, die „Infrastruktur des Terrors“ effektiv zu zerschlagen. Die internationalen Helfer sehen nur die leidende palästinensische Bevölkerung. Auf ihrem Rücken freilich versucht die einst mehrheitlich gewählte Hamas mit Raketenbeschuss, die israelische Armee in die Falle zu locken. In den dicht besiedelten Wohngebieten will die Hamas den Israelis hohe Verluste beifügen und mit möglichst vielen getöteten Zivilisten eine moralische wie politische Niederlage beifügen. Jetzt schon dienen die Totenzahlen dazu, Israel eines Massakers und sogar eines Holocaust zu bezichtigen. Gleichwohl zählte die UNO nach einwöchigen Bombardements und Kämpfen unter 522 Toten „nur“ 82 Zivilisten. Angesichts der Fernsehbilder und der vermeintlichen „Massaker“ ist das eine vergleichsweise niedrige Zahl. Die Hilfsorganisationen berichten über geplatzte Abwasserrohre, gekappte Wasserleitungen und Stromausfälle. Es gebe einen Mangel an Fladenbroten und die Menschen könnten wegen Lebensgefahr nicht einkaufen gehen. Ein Sanitäter der britischen Oxfam sei von einer Panzergranate getötet worden. Die Organisation habe die Verteilung von Hilfsgütern wegen der Bombardements eingestellt. Die Mitarbeiter blieben aus Angst bei ihren Familien. Assoziationsabkommen zwischen Israel und der EU sollten aufgehoben werden, verlangt Oxfam, als ob das den Palästinensern helfen könnte. Bei genauem Hinschauen reden selbst die internationalen Hilfsorganisation nicht von einer tatsächlichen humanitären Krise sondern prophezeien sie nur. Wenn Israel die Grenzübergänge nicht öffne, die Angriffe einstelle, sich umgehend aus Gaza zurückziehe, Menschenrechtsbeobachter und Ärzte durchlasse, „dann“ drohe eine humanitäre Krise. „Schon bald“ würden den Krankenhäusern die Medikamente ausgehen. Eine Hungersnot werde „demnächst“ ausbrechen. CARE International, CAFOD, Medico International und Diakonia zählen wie Militärstrategen die Zahl israelischer Luftangriffe und Bomben auf, um zukunftsweisend zu schließen: „Das muss zu einer humanitären Katastrophe führen“. Solchen politisch gefärbten Notrufen stehen ebenso politisch motivierte israelische Auflistungen humanitärer Hilfsleistungen gegenüber. 400 Lastwagen mit 10.000 Tonnen „humanitären Gütern“ soll 1,5 Millionen Menschen helfen. 226 Doppelstaatler durften ausreisen. 2000 jordanische Blutkonserven, fünf von der Türkei und fünf vom Roten Halbmond im Westjordanland gestiftete Ambulanzen wurden nach Gaza durchgelassen. Israelische PR-Experten setzten zudem ein Filmchen in Szene, der 20 Verletzte, darunter zwei Kinder, zeigt, wie sie auf Bahren zur Behandlung nach Israel eingelassen wurden. Dass die am Kerem Schalom Übergang ganz im Süden in den Gazastreifen transportierten Hilfsgüter wegen der Kampfhandlungen gar nicht nach Gaza gelangen können, wird von den Israelis ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass die Lagerhäuser der UNO und anderer Organisationen in Gaza immer noch gut gefüllt zu sein scheinen.
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