Analyse eines DPA Berichts und ein Vergleich mit dem Original

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Bekanntlich sollen Agenturen Fakten liefern und nicht kommentieren.
Dpa berichtete am Freitag, dass „Gedankenspiele” des Lieberman „für Überraschung” gesorgt habe, jedoch ohne zu erwähnen, bei wem. Vielleicht war nur der dpa-Autor überrascht, aus welchen Gründen auch immer.
Der „ultra-rechte Politiker” heißt es dann. Wieso diese Einordnung, die an dieser Stelle eher fehl am Platze und irreführend ist, denn ausgerechnet die israelischen ultra-Rechten, nämlich die Siedler, träumen von einer Rückkehr in den Gazastreifen und nicht von dessen endgültiger Abstoßung. Werden eigentlich auch Politiker anderer Länder grundsätzlich mit solchen Adjektiven eingeordnet?
Die israelische Regierung unter dem „Hardliner” Netanjahu (der im Rahmen seiner harten Linie kürzlich die Blockade des Gazastreifens gelockert hat) wird auch von dpa oft als rechts-national tituliert. Da bekanntlich die sozialistische Arbeitspartei des Ehud Barak mit im Boot sitzt, sollte dpa doch vielleicht künftig die israelische Regierung „national-sozialistisch” bezeichnen. Man sollte mal prüfen, wieso arabische Politiker wie Mubarak, sein Außenminister, König Abdullah, Mahmoud Abbas in den meisten Fällen bei dpa ohne jegliche politische Einordnung auskommen. Also scheint es keine Regel zu geben (außer bei bestimmten israelischen Politikern).
Dpa berichtet dann von einer „internationalen Schutztruppe”. Da ist dpa im Vergleich zum hebräischen wie englischsprachigen Original sehr ungenau. Wenn Lieberman etwa ausdrücklich die französische Fremdenlegion erwähnt hat, dürfte er sich etwas dabei gedacht haben. Weiter redete er von „Kommandoeinheiten europäischer Armeen”. Auch die von Lieberman erwähnte „internationale Militärkraft”  klingt anders als eine „internationale Schutztruppe”, etwa der UNO.
Laut dpa soll diese Schutztruppe dann „Grenzübergänge überwachen und den Waffenschmuggel durch Tunnel unter der Grenze von Ägypten zum Gazastreifen unterbinden”.
Was treibt dpa dazu, politisch relevante Dinge in nicht-gesagte Worte Liebermans hinein zu erfinden. Im hebräischen Original heißt es neutral, dass die internationale Militärkraft „an die Grenzübergänge geschickt werden sollte, um allen Betroffenen eine Durchführung der Abmachungen aufzuzwingen”. In der englischen Übersetzung bei Ynet heißt es etwas anders: „will propose that the Europeans send an international military force to the Israel-Gaza border crossings to enforce any agreement reached”. Es fällt auf, dass Ägypten nicht erwähnt wird und schon gar nicht „Waffenschmuggel durch Tunnel unter der Grenze von Ägypten zum Gazastreifen”, wie dpa da als eigene Erfindung einfügt. Lieberman dürfte triftige politische Gründe gehabt haben, die Ägypter nicht zu erwähnen, denn er hält es für eine Aufgabe und sogar ein Interesse der Ägypter, deren Grenze selber dicht zu halten.
Tatsächlich sprach aber Lieberman von einer Unterbindung des Waffenschmuggels. Wenn dpa feststellt: „Die bisherige Blockade wäre damit aufgehoben.” So unterschlägt dpa einen wesentlichen Punkt des Planes. Dass nämlich Schiffe auf dem Weg nach Gaza in Zypern oder Griechenland auf Waffen geprüft werden müssten, also auf europäischem Territorium. Laut dpa: „Waren könnten direkt von Europa aus in den Gazastreifen transportiert werden”. Schon richtig, aber erst nachdem sie geprüft wurden. Auch gemäß Liebermans Vorstellung bedeutet das also keine totale Aufhebung der Blockade, denn Waffenlieferungen sollen ausgeschlossen bleiben.
Übrigens scheint es auch heute nicht wirklich eine Blockade zu geben. Israel hatte gegenüber der türkischen Hilfsflotte verlangt, die Waren in Aschdod überprüfen zu lassen und dann auf dem Landweg nach Gaza zu bringen. Gestern habe ich mich beim israelischen Militärsprecher erkundigt. Die von der türkischen Hilfsflotte mitgebrachten Hilfsgüter, darunter Rollstühle, Medikamente, Nahrungsmittel, Zement usw liegen allesamt bis heute in israelischen Lagerhäusern, weil die Hamas sich weigert, sie anzunehmen. Und deshalb sind auch die internationalen Hilfsorganisationen wie IKRK oder die UNO unfähig, sie nach Gaza einzuführen.
„Der Vorschlag Liebermans sei eine dramatische Änderung in der bisherigen Gaza-Politik Israels, schreibt das Blatt.”  Das von dpa zitierte Blatt hat derartiges weder auf Englisch noch auf Hebräisch geschrieben.
Es handelt sich zudem gar nicht um eine so „dramatische Änderung” der Gazapolitik. Es ist eher eine logische Schlussfolgerung aus dem gescheiterten Versuch Israels, bei der internationalen Weltgemeinschaft den erfolgten Rückzug vom Sommer 2005 als „Ende der Besatzung” anerkannt zu bekommen. Israels Erklärung des Gazastreifens zum „Feindesland” und Absichten in der Vergangenheit, seine Grenze zu Gaza hermetisch zu sperren, scheiterten am Widerstand der internationalen Gemeinschaft, die in Israel weiterhin den „Besatzer” sehen will.
„Israel hatte bislang seine Blockade unter anderem damit begründet, dass die Hamas vom Westen als Terrororganisation eingestuft worden sei.” Das höre ich zum ersten Mal. Sonst heißt es, dass Israel die Blockade wegen der Entführung von Gilad Shalit verhängt habe, dann heißt es, der Putsch der Hamas sei daran schuld. Dann wiederum, weil Israel selbst die Hamas als Terrororganisation betrachtet. Dass Israel die Blockade verhängt habe, weil der Westen die Hamas so sieht, ist eine echte Verniedlichung des Problems. Wenn die Blockade nur ein Interesse der westlichen Länder wäre, würde Israel wohl kaum eine derartige rufschädigende und auch sonstig unerquickliche Politik durchführen.
„Das Nahost-Quartett aus Vereinten Nationen, EU, USA und Russland verlangt von der Hamas als Voraussetzung für eine Normalisierung der Beziehungen, dass sie das Existenzrecht Israel anerkennt sowie Terror und Gewalt abschwört.” Auch an dieser Stelle begeht dpa einen entscheidenden Fehler. Es gibt drei Forderungen. Hinzu kommt, dass die Hamas „bestehende Abkommen” anerkennen sollte. Das ist eigentlich die wichtigste Forderung, zumal die Hamas nicht einmal die Osloer Verträge und in der Folge die Autonomiebehörde anerkennt. Und weil die Hamas die Abkommen zum Grenzverkehr zwischen Gaza und Ägypten nicht anerkennt, ist dieser Grenzübergang bei Rafah im Prinzip seit dem Putsch der Hamas im Juli 2007 geschlossen. Es fragt sich, wieso dpa diesen Punkt unterschlägt.
Erstaunlicherweise hat dpa (vielleicht aus Platzgründen) jenes Element völlig ausgelassen, das den europäischen Steuerzahler am ehesten interessieren könnte. Lieberman erwartet nämlich, dass die Europäer „drei Projekte mit grandiosen Ausmaßen” (so das hebräische Original) errichten sollten. In der englischen Übersetzung bei Ynet heißt es nüchterner, dass Lieberman den Europäern die Errichtung von Kraftwerk, Wasserentsalzungs- und Kläranlage vorschlagen wolle.

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