Christenverfolgungen

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ULRICH W. SAHM – Christenverfolgungen 
Jerusalem, 26. September 2013 – „Christen sind die meistverfolgte Minderheit weltweit!“ Das ging im Februar als Meldung um die Welt. Unklar blieb indes, nach welchem Maßstab dieser Superlativ zustande kam: Sind Christen die am meisten verfolgte Minderheit gemäß der Anzahl der Länder, in denen sie verfolgt werden? Oder wurde die Menge der Toten und Flüchtlinge gezählt?  
Der Syrienexperte Professor Eyal Zisser prophezeite auf dem Weltgipfeltreffen zum Kampf gegen den Terror im israelischen Herzlija: „Der Arabische Frühling ist das Ende des orientalischen Christentums.“ 
Selektive Wahrnehmung 
Erst als auffällig viele verbrannte Kirchen in Ägypten in Medienberichten auftauchten, wurde über die Verfolgungen koptischer Christen im Land der Pharaonen berichtet. Das Schicksal der Christen im Irak, Libyen, Sudan oder Nigeria wurde im so genannten „christlichen Abendland“ kaum wahrgenommen. Im syrischen Bürgerkrieg wurde die Zerstörung christlicher Dörfer und uralter Kirchen in Damaskus, Aleppo und anderen Städten mit tausendjähriger Vergangenheit nur am Rande erwähnt. Etwas ausführlicher wurde über „schwere Kämpfe“ im syrischen Bergdorf Maalula berichtet, dessen Bewohner seit 3.000 Jahren das Aramäische bewahrt haben, Jesu Muttersprache.  
Gründe für das Wegschauen 
Für das auffällige Schweigen der „christlichen Welt“ zu Christenverfolgung in der islamischen Welt gibt es mehrere Gründe.  
Europa präsentiert sich als „christliche Wertegesellschaft“, wenn es darum geht, die muslimische Türkei aus der EU fernzuhalten. Doch mit Blick auf „christliche Gemeinschaften“, die in vielen Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt werden, ist von dieser „christlichen Wertegesellschaft“ nichts zu spüren. In einer Welt, wo besonders der Islam eine gesetzgebende Rolle in Gesellschaft und Politik spielt, hat das langfristig fatale Folgen. Für offizielle Vertreter des schiitischen wie sunnitischen Islams, war der 11. September 2001 ein erster Höhepunkt der Eroberung „Roms“, also des christlichen Westens. Diese religiös motivierte aber politisch und militärisch gemeinte Kriegserklärung ignoriert der Westen. Es passt nicht mehr in sein Konzept, als „christliche Gemeinschaft“ definiert zu werden.  
Loyalität der Minderheit zum Herrscher 
Problematisch erweist sich bei den Christen des Orients das Phänomen der Treue von Minderheiten zum jeweiligen Unterdrückerregime. Nur so können sie ihr physisches Überleben sichern. Das galt für die Juden im europäischen Mittelalter, wie für Christen und Juden in islamischen Ländern, wo sie als „Dhimmis“ geduldet wurden. Für die Juden in der arabischen Welt brach dieses System schon im 19. Jahrhundert zusammen, als christliche Imperialmächte ihren rassisch definierten Antisemitismus erst nach Damaskus und dann nach Irak und Ägypten exportierten. Die Gründung des Staates Israel bedeutete das Ende der 3.000 Jahre alten jüdischen Gemeinden in Ländern mit „biblischen“ Traditionen wie Babylon (Irak), Jemen, Syrien, Ägypten und Libyen. Doch die „aufgeklärte“ Welt interessierte sich nicht für die Juden. Bis heute ist nur die Rede von arabischen Flüchtlingen aus Palästina, nicht aber von der Vertreibung von wesentlich mehr jüdischen Flüchtlingen aus allen arabischen Ländern. Zum Verhängnis wird die Nähe zum Diktator, sowie es, wie jetzt beim „Arabischen Frühling“, zum Umsturz kommt und die wehrlosen Minderheiten plötzlich als Kollaborateure mit Saddam Hussein, Hosni Mubarak oder Baschar Assad dastehen.  
Das Schweigen des Vatikans 
Der Vatikan als prominentester Sprecher der westlichen Christenheit ist auffallend zurückhaltend. Dabei sollte man doch gerade von Kirchen Solidarität erwarten, wenn Menschen der gleichen Glaubensrichtung aus religiösen Gründen verfolgt werden. Im Irak war der sekuläre Saddam Hussein der Garant für das Überleben der Christen und in Syrien ist es bis heute Baschar Assad. Deshalb vermied der Vatikan bisher jede Kritik an Assad, wie sich anhand der Themenauswahl und veröffentlichter Zitate von Kirchenvertretern bei Radio Vatikan erkennen lässt.  
Symptomatisch war der weltweite Gebetsaufruf des Papstes gegen einen amerikanischen Angriff auf Syrien. Die Entrüstung über militärisches Eingreifen (der Amerikaner) klingt pazifistisch, ist aber unglaubwürdig, wenn militärisches Eingreifen etwa der Hisbollah aus Libanon ignoriert wird und Völkermord wie der Einsatz von Massenvernichtungswaffen kein Anlass für internationale Friedensgebete oder Lichterketten sind.  
Immerhin gibt es „Kirche in Not“, ein „weltweites Hilfswerk päpstlichen Rechts“. 2013 wurde die Dokumentation „Christen in großer Bedrängnis“ veröffentlicht. In kurzen Kapiteln wird die Lage der Christen in China, Myanmar, Ägypten, Tansania, Kuba und weiteren Ländern dargestellt. Von einer Million Christen im Irak 2003 gebe es heute nur noch 300.000.  
Gespickt mit faktischen Fehlern ist das Kapitel „Israel und die palästinensischen Gebiete“, obgleich Israel das einzige Land zwischen Marokko und Afghanistan ist, wo die Zahl der Christen in absoluten Zahlen seit 1948 stetig wächst.  
Symbolische Erniedrigung der Christenheit 
Beispielhaft für die Lage der Christen in der arabischen Welt sei hier ein von den Medien verschwiegenes symbolisches Ereignis erwähnt. Am 23. Dezember 1994, als PLO-Chef Jassir Arafat in Bethlehem feierlich einzog, wandte er sich vom Dach der Geburtskirche an das unter ihm, auf dem Krippenplatz, versammelte Volk. An der Kirchwand und auf den Kirchtürmen waren erstmals in der Geschichte (palästinensische) Nationalflaggen aufgehängt worden. Auf das Dach der heiligsten Kultstätte des Christentums hatte man ein Modell des muslimischen Felsendoms gehievt. Noch symbolhafter hätte die angestrebte Herrschaft des Islam über das Christentum nicht kundgetan werden können.  
Journalisten aus aller Welt standen auf einem höheren Dach und konnten von dort diese ungeheure Beleidigung des Christentums nicht übersehen. Wieso ist dieser Skandal weltweit wegzensiert worden? Unbeachtet blieb auch eine „Ikone“ mit Arafats Abbild über dem Eingang zur Geburtskirche, durch den Christen nur tief gebückt das Gotteshaus betreten konnten. Solange über derartige symbolische Akte ein Tuch des Schweigens gelegt wird, bleiben auch Mord und Vertreibung unerwähnt, solange als Täter nicht die üblichen Sündenböcke ausgemacht werden können, speziell die Amerikaner und Israelis.  
Christen ignorierten Zeichen an der Wand 
Die Welt und sogar die Christen im Orient wollten das Zeichen an der Wand der systematischen Vertreibung aller Juden aus den arabischen Ländern nicht sehen. Inzwischen sind Libyen, Irak, Saudi Arabien und Syrien „judenfrei“. In Ägypten leben noch zehn alte Jüdinnen und im Jemen noch maximal 60 Juden.  
Heute droht den ältesten christlichen Gemeinden das gleiche Schicksal wie zuvor der Juden, weil der Islam keine „Ungläubigen“ duldet. So wird eine weitere große Kultur ausgerottet. Wie hatte doch Heinrich Heine sinngemäß gesagt? „Wer Buddhafiguren sprengt, und vorschlägt, die Pyramiden zu schleifen, weil das Symbole von Götzendienst sind, wird am Ende auch Menschen verbrennen.“  

 

 

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