ULRICH W. SAHM – Jüdische Chasaren: eine erfundene Legende

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Professor Stampfer

Jerusalem, 27. Juni 2014 – Die Chasaren, ein Volk aus der Krim, sind gemäß mittelalterlicher Legenden zum Judentum übergetreten. Der israelische Professor Schlomo Sand hielt das für bare Münze und schrieb seinen Beststeller „Die Erfindung des jüdischen Volkes“. Antisemiten und Palästinenser, wie der preisgekrönte Bethlehemer Pastor Mitri Raheb, griffen das Motiv auf, um zu behaupten, dass heutige Juden wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rassisch nicht mit dem biblischen Volk Israel verwandt seien und deshalb in „Palästina“ nichts zu suchen hätten.

Professor Schaul Stampfer, Historiker für Sowjetisches und Osteuropäisches Judentum an der Fakultät für Geschichte des Jüdischen Volkes der Hebräischen Universität in Jerusalem hat jahrelang alle schriftlichen wie archäologischen Quellen für diese Legende durchgeforstet und kommt zum Schluss: Alles ist falsch. Es gebe keine zuverlässige historische Quelle für die Behauptung, dass die Chasaren Juden waren. Weder Volk noch Elite seien zum Judentum konvertiert.

Zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert gab es ein Chasarenreich zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meer. Die Chasaren hinterließen kein schriftliches Erbe und auch die archäologischen Funde seien rar. Im Jahr 969 habe Svyatoslav von Kiew das Chasarenreich überrannt. Seitdem habe man nicht mehr viel von ihnen gehört. Aber die Erzählung der Konversion habe überlebt. Erste Berichte darüber tauchten in muslimischen Schriften und zwei Hebräischen Schriften aus dem 10. Jahrhundert auf. Der bekannte jüdische Dichter Jehuda Halevi aus dem spanischen Toledo (1075 – 1141) griff das Motiv auf und benutzte es in seinem klassischen philosophischen Werk „Kusari“ als Rahmenhandlung, um das Judentum gegen Attacken muslimischer Denker, Karäer und anderer „Häretiker“ zu verteidigen. In der Moderne erhielt die Geschichte der konvertierten Chasaren neuen Aufwind mit dem 1976 erschienen populärwissenschaftlichen Sachbuch von Arthur Koestler „Der dreizehnte Stamm“. Forscher haben ihm umgehend Fehler und Irrtümer nachgewiesen, aber Antizionisten und Antisemiten beriefen sich auf Koestlers Werk, um die Legitimität des Staates Israel zu bestreiten. Der überzeugte Zionist Koestler war sich des Missbrauchs bewusst und schrieb: „Ob die Chromosomen seines Volkes nun die Gene der Chasaren oder solche semitischer, romanischer oder spanischer Herkunft enthalten, ist irrelevant und kann nicht das Existenzrecht Israels (in Frage stellen).“ In der Sowjetunion wurde die Chasarentheorie zur Rechtfertigung für Antisemitismus und zur Legitimation russischer Eroberungen, etwa in der Krim, herangezogen.

Stampfer hat alle Quellen geprüft, die von anderen Wissenschaftler ungeprüft übernommen worden sind, um dem Ursprung dieser Geschichte auf die Spur zu kommen. Archäologen hätten im Chasarenland keine Gräber mit typisch jüdischen Symbolen oder andere archäologische Hinweise gefunden. So bleiben nur Textdokumente, wie ein Briefwechsel aus dem Jahr 960 zwischen dem spanisch-jüdischen Hasdai ibn Schaprut und Joseph, König der Chasaren sowie Beschreibungen arabischer Autoren. Stampfer kam zum Schluss, dass alle diese Dokumente eine „Kakophonie von Verdrehungen, Widersprüche, eigene Interessen und andere Anomalien“ enthielten. Manche Texte seien falschen Autoren zugeschrieben worden. Historische Berichte, etwa eines „Sallam der Übersetzer“, 842 vom Kalifen von al-Wathiq ausgesandt, erwähnte zwar die Chasaren, aber mit keinem Wort deren Konversion zum Judentum.

Der Mangel an jeglichen zuverlässigen Quellen und der Mangel einleuchtender Gründe für einen Übertritt zum Judentum bringen Stampfer zur Erkenntnis, dass die Konversion der Chasaren eine Legende ohne faktische Basis sei. Weder ein Chasarenkönig noch die Chasarenelite sei jemals jüdisch geworden.

„Ich hätte nicht gedacht, wie schwierig und herausfordernd es sein kann, den Beweis für etwas zu bringen, was nie passiert ist“, sagte Stampfer. Viele Seiten in Geschichtsbüchern der Juden, Russen und Chasaren müssten neu geschrieben werden, darunter über den jüdischen Einfluss auf das frühe Russland und ethnische Kontakte.

Stampfer meint, dass Wissenschaftler ungern liebgewonnene Paradigmen aufgäben, darunter die herrliche Legende eines Chasarenkönigs, der ein frommer Jude geworden sei. Doch wissenschaftliche Geschichtsschreibung müsse zwischen Wahrheit und Erfindung unterscheiden, wenn zu viele Anomalien auftauchten.

Das scheint umso wichtiger zu sein, wenn eine unbewiesene historische Legende bis heute von der russischen Propaganda missbraucht wird, um ein Eingreifen in der Krim zu rechtfertigen, oder dazu dient, die Existenz des jüdischen Volkes und die Legitimität des Staates Israel in Frage zu stellen.

 

 

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