ULRICH W. SAHM – Attentat auf Rabbi in Jerusalem

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Foto_2Jerusalem, 30. Oktober 2014  – In Jerusalem hat ein gezieltes Attentat auf einen bekannten Rabbiner neue Spannungen und die Furcht um Ausschreitungen von Palästinensern und jetzt auch durch Juden ausgelöst.

Gegen 22:00 Uhr Ortszeit endete eine jährliche Konferenz von sogenannten „Tempelgetreuen“ im Menachem Begin Center. Die Tagung hatte Rabbi Jehuda Glick initiiert, der ehemalige Leiter des „Tempel-Instituts“. Etwa 200 überwiegend fromme Israelis waren gekommen, darunter auch Knesset Abgeordnete. Zeitgleich und ebenfalls von Glick organisiert, sollte in dem Gebäude auch der bekannte Schriftsteller Tuvia Tenenbom einen Vortrag über sein neues Buch „Allein unter Juden“ halten, das am 10. November beim Suhrkamp Verlag in deutscher Sprache erscheinen wird. Doch diese Veranstaltung war kurzfristig abgesagt worden. Das Zentrum befindet sich am Rand des biblischen „Höllentals“ (Gai Hinnom), oberhalb von Jerusalems Cinemathek und in Sichtweite der Altstadt und des Zionsberges.

Die meisten Tagungsteilnehmer hatten sich schon auf den Heimweg gemacht, als Glick noch auf der Straße mit Anderen sprach. Ein in schwarz gekleideter Motorradfahrer stoppte neben der Gruppe, sprach Glick auf Hebräisch mit einem „schweren arabischen Akzent“ an und fragte, ob er der Rabbi sei. Als Glick das bejahte, zückte der Motorradfahrer eine Pistole gezückt und gab drei Schüsse aus unmittelbarer Nähe auf Glick ab. Das berichteten übereinstimmend mehrere Zeugen. Glick wurde sehr schnell ins Schaarei Zedek Hospital gebracht, wo er mehrere Stunden lang operiert worden ist. Der schwer letzte Rabbi schwebe noch in Lebensgefahr, so Ärzte und Angehörige.

In erstaunlich kurzer Zeit waren sich die Polizei und der Inlandsgeheimdienst Schabak einig über die Identität des mutmaßlichen Attentäters. Wenige hundert Meter vom Tatort entfernt, im gemischten arabisch-israelischen Viertel Abu Tor, das von 1949 bis 1967 durch die jordanisch-israelisch Grenze geteilt war, sollte der Verdächtige in der Nacht verhaftet werden. Doch als die Polizisten das Haus des Motorradfahrers betraten, wurde Feuer auf die Sicherheitsleute eröffnet. Nach Angaben der Polizei kam zu einem Schusswechsel mit dem Verdächtigen. Sicherheitsleute erschossen ihn auf dem Dach des Hauses.

Bei dem mutmaßlichen Attentäter handelt es sich nach Angaben der Hamas-Organisation um Ibrahim Moataz Hejazi, 32. Er hat 11 Jahre im israelischen Gefängnis verbracht und nach seiner Freilassung 2012 mit Anschlägen in Jerusalem gedroht. Nach Angaben der „Vereinigung israelischer Terroropfer“, Almagor, sei der mutmaßliche Attentäter im Begin Center angestellt gewesen. Es müsse geprüft werden, wieso die Polizei israelische Arbeitgeber nicht über die kriminelle oder gar terroristische Vergangenheit palästinensischer Arbeitnehmer informiere.

Während Araber in Ostjerusalem den Anschlag mit Feuerwerk feierten, hatten die Organisation Islamischer Dschihad und die Hamas den Attentäter als „Märtyrer“ beglückwünscht.

Auf Weisung des Ministers für Innere Sicherheit, Jitzhak Aahronowitch, wurde der Tempelberg am Donnerstag für jegliche Besucher, Moslems, Juden wie Touristen gesperrt. Arabische und muslimische Sprecher verurteilten das als Affront und Provokation Israels gegen den Islam. Am Donnerstag Mittag versuchen Juden den Tempelberg zu stürmen, wurden jedoch von der Polizei zurückgewiesen. Vier Demonstranten wurden verhaftet.

Der Tempelberg, von den Moslems Haram Esch-Scharif (Erhabenes Heiligtum) genannt, ist Juden, Christen wie Moslems heilig.

Laut Bibel habe Abraham dort seinen Sohn Isaak opfern wollen. Historisch belegt ist die Errichtung des Salomonischen Tempels auf dem Areal. König Herodes erneuerte und erweiterte den Tempel, in dem Jesus gelehrt hat. Erhalten geblieben sind im Wesentlichen die äußeren Stützmauern, darunter die Klagemauer. Gemäß jüdischer Tradition sei der Felsen im heutigen Felsendom (auch Omar-Moschee genannt) der „Grundstein“ der Erde. Dort hatte König Salomon das „Allerheiligste“ errichtet, in dem die Bundeslade mit den Gesetzestafeln des Moses aufbewahrt wurde. Gott habe, laut Bibel, in diesem Allerheiligsten „Wohnung auf Erden“ bezogen. Im Jahr 70 haben die Römer den Tempel zerstört und gründlich geschliffen. Originaltrümmer wurden außerhalb der Stützmauern bei archäologischen Ausgrabungen seit dem 19. Jahrhundert gefunden. Kaiser Hadrian verfügte im Jahr 132, dass Juden den Tempelberg nicht mehr betreten dürften und errichtete an der Stelle einen Zeustempel. Im 7. Jahrhundert errichteten die Moslems auf dem Tempelberg (ursprünglich Beth el Makdis, also wie im Hebräischen „Tempel“) die El Aksa Moschee und den Felsendom. Beide stehen dort bis heute. Seit fast 2.000 Jahren dürfen Juden nicht mehr auf dem Berg selber beten. Sie verehren ihr Heiligtum seit dem 13. Jahrhundert an der „Westmauer“ (Klagemauer), weil sie dem „Allerheiligsten“ am nächsten ist. Während der jordanischen Besatzung 1949-1967 durften Juden nicht einmal zur Klagemauer. 1967, nach der Eroberung Ostjerusalems durch Israel, hatte der damalige Verteidigungsminister Mosche Dayan verfügt, dass Juden auf dem Tempelberg keine Gebete verrichten dürften. Die israelischen Oberrabbiner verbieten traditionell Juden den Zutritt zum Tempelberg, weil der genaue Ort des „Allerheiligsten“ unbekannt ist. Den darf nach biblischer Vorstellung nur der Hohe Priester betreten. Dennoch besuchen auch fromme Juden in Polizeibegleitung den Tempelberg, vermeiden es aber, sich dem Felsendom zu nähern. Israel beansprucht für sich zwar die Souveränität und unterhält zwischen Omar- und El Aksa Moschee eine kleine Polizeistation, doch die muslimische Verwaltung, der Wakif, untersteht Jordanien, das bis heute auch die Gehälter der muslimischen Wächter und Mitarbeiter auf dem Tempelberg bezahlt.

Seit 2.000 Jahren träumen die Juden von einer wundersamen Wiedererrichtung des Tempels. Doch weil das von Menschenhand nicht geschehen kann, glauben sie, dass Gott den fertigen Tempel bei der Ankunft des Messias vom Himmel herabsenken werde.

Um auf diesen Tag „vorbereitet“ zu sein, werden in dem ehemals von Rabbi Glick geleiteten Tempelinstitut in der Altstadt Jerusalem die Tempelgeräte rekonstruiert, darunter Harfen, Trompeten und Weihrauchschaufeln sowie Priestergewänder.

Die Moslems glauben jedoch, dass die Juden eine Zerstörung der El Aksa Moschee schon vor Ankunft des Messias planen. Erstmals hatte der später mit Adolf Hitler verbündete Mufti Jerusalems, Hadsch Amin el Husseini, mit diesem Argument 1929 zu blutigen Pogromen gegen Juden aufgerufen. Sie beendeten die Präsenz jüdischer Jemeniten im umstrittenen Jerusalemer Viertel Silwan und in Hebron, wo Juden im heutigen Stadtzentrum fast 3000 Jahre lang ununterbrochen gelebt hatten. In neuerer Zeit rief PLO-Chef Jassir Arafat mit dem gleichen Argument zum Aufstand gegen Israel auf. Im Rahmen der „El Aksa Intifada“, wie der Aufstand ab Herbst 2000 genannt wird, sind über 1000 Israelis ermordet worden.

Mehrere Versuche jüdischer Extremisten, jetzt schon, vor Ankunft des Messias, die beiden Moscheen zu zerstören und den Tempel wieder zu errichten, wurden von der israelischen Polizei energisch unterbunden. Eine Eliteeinheit der Polizei überwacht rund um die Uhr den Tempelberg wegen der Möglichkeit, dass schon der kleinste Zwischenfall dort einen „Weltkrieg“ auslösen könne.

 

 

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