ULRICH W. SAHM – Reaktionen zum Tod des „Ministers“

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Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm

Jerusalem, 10. Dezember 2014 – Der Tod des palästinensischen „Ministers“, der gar kein Kabinettsminister in der Regierung von Präsident Mahmoud Abbas war, ist eine regelrechte Propagandaschlacht ausgebrochen.

Über den Hergang des Vorfalles um den Tod von Ziad Abu Ein gibt es höchst widersprüchliche Darstellungen. Da war die Rede von Schlägen mit Gewehrkolben von einem Soldaten, der Abu Ein „gewürgt“ habe, und dem „Einatmen von zu viel Tränengas“. Ein israelischer Reporter, der neben Abu Ein gestanden habe, sagte, dass es keine Kolbenschläge in die Brust von Abu Ein gegeben habe. In Filmaufnahmen ist Abu Ein zu sehen, wie er mit den Soldaten „diskutierte“ und ein Soldat ihn offensichtlich auf Distanz halten wollte. Aber von Tränengas ist nichts zu erkennen inmitten der Gruppe von Soldaten und Offizieren, denen sich der „Minister“ genähert habe. Der israelische Reporter Joram Cohen filmte Abu Ein, während er zusammenbrach und langsam bewusstlos wurde. Abu Ein war wahrscheinlich unterzuckert und galt als „heißblütig“. Zu seinen letzten Worten zählten gehässige Sprüche wie „das ist eine Terrorarmee“. Eine israelische Sanitäterin kümmert sich gerade um den in Not geratenen Abu Ein, als Palästinenser kommen und ihn zu einer „sehr verspätet gekommenen“ Ambulanz wegtragen. Vielleicht hatte das den Tod verursacht, denn Abu Ein ist auf dem Weg zum Hospital in Ramallah verstorben. Vielleicht hätte er gerettet werden können, wenn er gebührend behandelt worden wäre.

„Was hat eigentlich ein Minister bei einer gewaltsamen Demonstration zu suchen“, fragte der israelische Strategieminister Juval Steinitz in einem Rundfunkinterview und bezeichnete bei der Gelegenheit die Autonomiebehörde als „Feind“ Israels. Verteidigungsminister Mosche Jaalon hingegen „bedauerte“ den Tod von Ziad Abu Ein und erklärte, dass jordanische wie israelische Pathologen gemeinsam eine Autopsie der Leiche vornehmen würden, um die Todesursache festzustellen. „Beide Seiten sind an einer Zusammenarbeit interessiert“, erklärte Jaalon, nachdem palästinensische Sprecher, darunter Verhandlungsführer Saeb Erekat und der Chef des Fußballbundes, Dschibril Radschoub, ein Ende der israelisch-palästinensischen Sicherheitskooperation verkündet haben.

Dank dieser Kooperation wurde nicht nur ein von der Türkei aus gelenkter Staatsstreich der Hamas-Bewegung gegen Mahmoud Abbas aufgedeckt. Die Kooperation hat vermutlich auch viele Menschenleben gerettet, weil palästinensische Sicherheitskräfte demonstrierende Palästinenser von Israelis fernhielten und potentiell tödliche Zusammenstöße verhinderten.

Die hohe EU-Kommissarin Federica Mogherini, Nachfolgerin von Catherine Ashton, hat eine sehr scharfe Verurteilung zum Tod des palästinensischen „Ministers“ veröffentlicht. Nach Beileidsbekundungen mit der Familie von Abu Ein und dem palästinensischen Volk äußerte Mogherini „extreme Sorge“ wegen der „exzessiven Gewalt durch die israelischen Sicherheitskräfte“. Dieses sei eine „dramatische Erinnerung für die gesamte internationale Gemeinschaft an die sich verschlechternde Situation vor Ort“. Israelische Regierungssprecher bedauerten, dass Mogherini nicht einmal die Ermittlung der Todesursache Abu Eins abgewartet hätte.

Noch schärfer reagierte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Der Tod des Ministers beweise erneut die „exzessive Gewalt“ der israelischen Armee. Die Soldaten hätten „willkürliche und missbrauchende Gewalt“ angewandt. Ein Soldat habe Abu Ein „an der Gurgel gepackt“. Der Nahostdirektor der Menschenrechtsorganisation, Philip Luther, forderte eine eingehende Untersuchung, zumal „die israelischen Streitkräfte übertriebene und tödliche Gewalt“ gegen Demonstranten einsetzen. Als Todesursache erwähnt Amnesty allein, dass Abu Ein „von einem Tränengaskanister in die Brust“ getroffen, Komplikationen durch das Einatmen von Tränengas erlitten oder von israelischen Soldaten „verprügelt“ worden sei. Zur Illustration folgte noch ein Link zum „schießfreudigen Israel“.

Noch in der Nacht soll die Leiche von Abu Ein untersucht werden. Am Morgen wird sich vielleicht zeigen, was die wahre Todesursache war. Vom Ergebnis der Autopsie, falls sich die Pathologen einigen, könnte abhängen, ob jetzt auch der Nahe Osten in die Luft fliegt, nachdem der Orient zwischen Libyen und Irak ohnehin schon ein einziges Kriegsgebiet mit Millionen Toten und Vertriebenen ist.

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