ULRICH W. SAHM – Mehr Schnee denn jemals

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Jerusalem, 20. Februar 2015 – Der älteste lebende Jerusalemer hat sich noch nicht zu Wort gemeldet. Aber gewiss würde er sagen: „So viel Schnee habe ich hier noch nie erlebt“. Zwar gab es einige Schneestürme in der Heiligen Stadt in den vergangenen Jahren. Aber diesmal haben die Meteorologen tatsächlich einen Volltreffer gelandet.

Berge von Schnee haben die Stadt weiß angemalt. Erst nachdem wir die Satellitenschüssel vom Schnee befreit haben, konnten wir aus dem Fernsehen erfahren, dass kaum noch eine Straße im Lande befahrbar ist. Die Autobahnen hinauf ins verschneite Jerusalem sind nur noch mit Kettenfahrzeugen befahrbar. Am Toten Meer ist die einzige Straße von Nord nach Süd wegen Überschwemmungen gesperrt. Und sogar bei Dimona und in Mitzpe Rimon in der südlichen Wüste können Kinder Schneemänner bauen, ein wahrlich ungewöhnlicher Anblick.

Auf unserer Terrasse haben wir auf dem großen Tisch eine 23 cm hohe weiße Haube gemessen. Dabei wohnen wir schon jenseits der Wasserscheide in der „Wüste“. In der Stadt oder in noch höher gelegenen Gebieten Jerusalems, über 900 Meter hoch über dem Meeresspiegel, dürfte der Schneesturm in der Nacht zum Freitag sogar noch mehr Schnee hinterlassen haben.

Während man in Deutschland Gewitter wohl eher nur im Sommer kennt, blitzt und kracht es gewaltig in den aus Sibirien kommenden Schneewolken, die über die Türkei und Zypern bis in den Libanon, nach Syrien, Israel und Jordanien vorgestoßen sind. Bis Samstag soll der Spuk mit „Schnee auf Kamelhöckern“ – wie ein Reporter aus der Wüste im Süden berichtete – schon wieder vorüber zu sein.

Der Schnee hat auch einen Vorteil. Wenn man ihn wegschaufelt, ist es in Bodennähe gelb gefärbt. Das sind die Reste eines schweren Sandsturms, der vor etwa einer Woche von der Sahara kommend einen lebensgefährlichen gelben „Nebel“ über das Land legte. Die Sicht während dieses Sandsturms war so schlecht, dass zeitweilig die meisten Flugplätze im Lande gesperrt werden musste. Mit dem tauenden Schnee wird dann hoffentlich auch der immer noch allgegenwärtige Sand weggespült werden.

Wer in einem festen Haus mit guter Zentralheizung, sitzt, kann sich zwar kaum vor die Haustür begeben. Unausdenkbar sind jedoch die Zustände in den Flüchtlingslagern im Libanon und im Norden Jordaniens, wo Hunderttausende Syrer in Zelten   ausharren, ohne sich wärmen zu können.

Wer dennoch Jerusalem verlassen will   oder muss, hat Probleme. Sonderbusse fahren durch die Außenviertel zum zentralen Busbahnhof und von dort nach Malcha. Dort wartet die Eisenbahn. Eigentlich sollte sie stündlich in Richtung Tel Aviv fahren. Aber die Weichen sind eingefroren oder zugeschneit. Deshalb fährt die Bahn bestenfalls zwei-stündlich oder wenn der Zug voll ist, hieß es in den Nachrichten.

Problematisch ist auch eine Fahrt zum Hospital. Die Stadtverwaltung hat Bagger bereitgestellt und bei der Hilfsorganisation Jad Sarah seien Kettenfahrzeuge der Armee bereitgestellt worden. In dringenden Fällen müssen Schwangere und Infarktgefährdete Patienten mit einem Truppentransporter ins Krankenhaus gebracht werden.

Alle israelischen Medien haben die große Politik und den unerquicklichen Wahlkampf völlig vergessen. „Ein Land im Sturm“ ist das einzige Thema. Und dabei werden vor allen jene Straßen und Städte aufgezählt, die von der Außenwelt abgeschnitten sind.

 

 

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