ULRICH W. SAHM – Netanjahus „Worte, Worte, Worte, ohne Taten“

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Neues Bild (7)Jerusalem, 3. März 2015  – Vor einer gemeinsamen Sitzung des amerikanischen Kongresses und Senats dürfte die „wichtigste“ Rede seit Jahrzehnten gehalten worden sein. Bei CNN lief eine Stoppuhr rückwärts bis zur leicht verspäteten Ankunft des israelischen Premiers im Kongress-Saal. Alle bedeutenden Nachrichtensender der Welt, darunter BBC, Sky-News, France 24, Fox und CNN schalteten live nach Washington, zeitweilig sogar das iranische Fernsehen. Die israelischen Sender brachten die Rede mit einer Verzögerung von 5 Minuten, um notfalls unerlaubte Wahlkampfpropaganda zu zensieren. Nur in Deutschland scherte sich niemand. „Wir empfangen hier nur Kabel und kein deutscher Sender bringt die Rede live“, klagte ein Redakteur aus dem Rheinland.

Der Saal des Kongresses war bis auf den letzten Platz gefüllt, obgleich angeblich 70 demokratische Abgeordnete die Rede boykottierten. Die Tickets für Gäste waren „ausverkauft“. Neben Netanjahus Frau Sarah saß auf der Zuschauertribüne der Auschwitzüberlebende Elie Wiesel. Netanjahu wandte sich an ihn, um zu erklären, dass er die Worte „Nie wieder“ repräsentiere.

Abwesend war US-Außenminister John Kerry, der nach Genf geflogen war, um die Verhandlungen mit Iran fortzuführen. Demokraten-Chef John Biden hatte sich nach Guatemala abgesetzt und US-Präsident Barack Obama hatte zwar keine Termine, aber angekündigt, sich die Rede nicht anschauen zu wollen. Später kam dennoch eine Reaktion aus dem Weißen Haus: „Worte, Worte, Worte und keine Taten.“

Netanjahu, darin sind sich auch seine Kritiker einig, sei ein begnadeter Redner. Doch ob er mit seiner Rede den Vertrag mit Iran abwenden konnte, bleibt eine offene Frage, auch gerade wegen der „Beleidigung des Präsidenten Obama“, wie ein demokratischer Abgeordnete sagte.

Netanjahu bedankte sich erst einmal bei Präsident Obama und äußerte überschwengliches Lob für dessen offene und geheime Unterstützung Israels. Der Premier hielt sich an ein Versprechen an das Weiße Haus, keine Geheimnisse auszuplaudern, weil das ein „Vertrauensbruch“ gewesen wäre. „Sie können alles Googlen“, hob Netanjahu an und beschrieb erst einmal die Gefahren, die von Iran ausgehen. Er geißelte den iranischen Hass auf Amerika, Israel und die Juden. „Der Freund Irans, Hassan Nasrallah von der libanesischen Hisbollah wünscht, dass alle Juden nach Israel ziehen mögen, damit die Hisbollah die Juden nach einer Zerstörung Israels nicht in der ganzen Welt suchen müsse“, zitierte Netanjahu. Er erwähnte weltweiten iranischen Terror, dem auch „Tausende Amerikaner“ zum Opfer gefallen seien. Der Iran habe schon vier Länder im Nahen Osten „verschluckt“ und erwähnte „Beirut, Damaskus, Bagdad und Sana“. Die größte Gefahr für die Welt gehe von der „Hochzeit des islamischen Terrors mit der Atombombe“ aus. Alle paar Minuten gaben die Abgeordneten stehenden Applaus. Nur einige Demokraten blieben sitzen und klatschten nicht.

Iran sei nicht zu trauen. Zweimal sei der Iran „erwischt“ worden mit geheimen Atomanlagen. Inspektoren könnten Verstöße dokumentieren, aber nicht stoppen.

Netanjahu ging dann dazu über, von einem „schlechten Abkommen“ zu reden. Iran dürfe nicht die umfassenden Atomanlagen behalten und der Vertrag dürfe nicht auf zehn Jahre befristet sein, während gleichzeitig die Sanktionen aufgehoben würden.

Nach zehn Jahren könnte Iran „ausbrechen“ und mit seiner intakten Infrastruktur innerhalb kurzer Zeit eine Atombombe bauen. Netanjahu beklagte, dass die derzeit von Iran entwickelten Trägerraketen nicht einmal Verhandlungsthema in Genf seien, obgleich damit sogar die USA und Europa in die Reichweite iranischer Atombomben gelängen. „Was sind 10 Jahre im Leben einer Nation?“ fragte Netanjahu und wies auf ein Abbild des Moses im Kongresssaal, der „vor 4.000 Jahren das Volk Israel in die Freiheit geführt“ habe.

Verschiedene nach der Rede befragte israelische Politiker stimmten grundsätzlich den Inhalten der Rede Netanjahus zu. „Es gibt keinen Israeli, der nicht vor einer iranischen Atombombe Angst hätte“, sagte Oppositionschef Jitzhak Herzog. Doch die Lager blieben gespalten, ob die Beleidigung Obamas und Netanjahus Auftritt ausgerechnet jetzt, zwei Wochen vor den Wahlen in Israel, nicht doch ein taktischer Fehler gewesen sei. Wie nachhaltig diese Rede die Beziehungen zwischen beiden Ländern stören könnten, wurde kontrovers diskutiert.

 

 

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