ULRICH W. SAHM – Ultraorthodoxe Frauen wollen in die Knesset

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Israli-elevctio-300x125Jerusalem, 11. März 2015 – „Mir ist klar, dass wir einen Preis dafür zahlen müssen. Aber wir wollen gottesfürchtigen Frauen eine Adresse in der Knesset bieten.“ Das erklärte die mit großer Perücke geschmückte orthodoxe Feministin und Anwältin Ruth Kolian, 33, Mutter von 4 Kindern, bei der Gründung ihrer Partei: „Zu ihrem Recht, Gottesfürchtige Frauen schaffen Wandel“.

Die ultraorthodoxen Parteien sind reine Männersache. Einen „weiblichen Beirat“, angeführt von Jaffa Derri, Frau des Schass-Vorsitzenden Arieh Derri, hält Kolian für einen bedeutungslosen „Gimmick“. Auch bei „Gemeinsam – Das Volk ist mit uns“, der von Schass abgespaltenen Partei des Eli Ischai und beim „Vereinten Torah Judentum“ haben Frauen nichts zu suchen. Diese drei ultraorthodoxen Parteien richten sich an etwa 10 Prozent der Bevölkerung, rechnen aber laut Umfragen mit 17 Prozent der Stimmen. Diese orthodoxen Parteien sind apolitisch, können mit links wie rechts koalieren und dürften die „Königsmacher“ werden.

Kolians Partei hat zu den Wahlen neun fromme Frauen als Kandidaten angemeldet. Um die Sperrklausel von 3,25 % zu überwinden, müsste sie vier Mandate gewinnen. Keine einzige Umfrage prophezeit eine Erfüllung von Kolians Traum.

Die neue Partei richte sich an „alle Frauen“, vor allem an alleinerziehende und bedürftige Frauen. Ultraorthodoxe Frauen trennen zusätzlich „Mauern der Angst“ vom politischen Leben. Sie haben oft viele Kinder, leiden unter häuslicher Gewalt und doppelt so oft unter Brustkrebs. Denn ärztliche Vorsorgeuntersuchungen gelten als „unkeusch“ und sind daher tabu. Wegen ihrer geschlossenen Gesellschaft können sie sich nicht an staatliche oder andere Stellen wenden, um Hilfe zu erhalten.

Die Anwältin Kolian verlor 2010 einen Prozess beim Obersten Gericht. Sie wollte die orthodoxen Parteien zwingen, Frauen auf reale Plätze ihrer Listen zu setzen. Ihre Pressekonferenz zur Parteivorstellung fand nicht im geschmückten Saal mit Luftballons statt. Nur eine Handvoll Anhänger und ein paar Journalisten waren heimlich eingeladen worden, in eine Wohnung in Tel Aviv. Kolian kann nicht einmal herkömmliche Wahlpropaganda betreiben, schon gar nicht bei ihren Zielgruppen. Orthodoxe Zeitungen bilden keine Frauen ab. Bei „koscheren“ Computern und Smartphones sind das Internet und soziale Medien wegen potentieller Anleitung zu „Sünden“ abgeschaltet. Bei frommen Radiosendern dürfen keine Frauenstimmen erklingen.

Kolian will dennoch „Geschichte“ machen. Für die Finanzierung ihrer Wahlkampagne hat sie knapp 2.000 Euro Spendengelder gesammelt.

Erstmals ist 2008 mit Tzvia Greenfeld eine ultraorthodoxe Frau über die Liste der linksextremen Meretz-Partei in die Knesset eingezogen. Doch Meretz küsst bei Umfragen die Sperrklausel. Ihr droht das Aus, weil die Islamisten und Kommunisten in der arabischen „Gemeinsamen Liste“ sich weigerten, mit der „zionistischen“ Meretz ein Abkommen zur Verteilung überschüssiger Stimmen zu unterzeichnen.

Bei anderen Parteien sind Frauen relativ gut vertreten. In der nächsten Knesset könnte es mit 31 von 120 Sitzen sogar eine Rekordzahl Frauen geben. Bei der Arbeitspartei, umbenannt in das „Zionistische Lager“, haben die Spitzenkandidaten Zipi Livni und Jitzhak Herzog eine „Rotation“ verabredet. In Israel stand auch schon mal eine Frau an der Regierungsspitze: Golda Meir wurde freilich als der „einzige Mann in ihrem Kabinett“ bezeichnet.

 

 

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