Während die Diplomaten zaudern, baut der Iran Atomsprengköpfe

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Während die Diplomaten zaudern, baut der Iran Atomsprengköpfe  

Von John R. Bolton
(The Wall Street Journal, 05.08.08)


Am vergangenen Wochenende ist eine weitere ‚Deadline‘ abgelaufen, innerhalb derer der Iran erkennen lassen sollte, ob er ernsthaft bereit dazu sei, über die Einstellung seines Strebens nach Atombomben zu diskutieren. Wie so viele andere Deadlines jener fünf Jahre europäisch geführter Verhandlungen ist auch diese in Stille abgelaufen; Brüsseler Diplomaten sagten, niemand habe mit wirklicher Arbeit an einem Samstag gerechnet.
Die Tatsache, dass die Europäer Recht haben – diese letzte Deadline ist keine wirklich große Neuigkeit -, ist genau das Problem bei ihren Verhandlungen und der stillschweigenden Hinnahme dieses Bemühens durch die Bush-Administration.
Die Rationalität andauernder westlicher Verhandlungen mit dem Iran hängt entscheidend von zwei Annahmen ab: dass der Iran weit genug entfernt vom Besitz von Atomwaffen ist und wir somit keine übermäßigen Risiken mit den Gesprächen eingehen; und dass wir durch die Gespräche die Option des Einsatzes von militärischer Gewalt nicht wesentlich behindern. Letzterer Punkt impliziert die weitere Annahme, dass die militärische Option statisch ist – dass sie in einem Jahr noch gleichermaßen gültig ist wie heute.
Keine dieser Annahmen ist korrekt. Können wir glauben, dass wir weiterhin „rechtzeitig“ eine militärische Aktion zur Verhinderung iranischer Atomwaffen ergreifen können, falls die Diplomatie scheitert?  Die „Gerade noch rechtzeitig“-Nichtverbreitung setzt einen Grad an geheimdienstlicher Gewissheit in Bezug auf das iranische Atomprogramm voraus, vor der uns die jüngste Geschichte eindeutig warnen sollte.
Jeder Tag, der vorüber geht, gestattet es dem Iran, die von ihm ausgehende Bedrohung zu steigern, und währenddessen sinkt die Viabilität der militärischen Option. Es gibt eine Anzahl von Gründen, warum dem so ist.
Erstens: Während die europäisch geführten Verhandlungen voranschreiten, setzt der Iran die Umwandlung von Uran vom Festkörper (Uranoxid, U3O8, auch gelber Kuchen genannt) zu einem Gas (Uranhexafluorid, UF6) in seiner Uranumwandlungsanlage in Isfahan fort. Obgleich es sich hier um einen rein chemischen Prozess handelt, ist die Umwandlung komplex und bringt Gesundheits- und Sicherheitsrisiken mit sich.
Je mehr jedoch der andauernde Betrieb in Isfahan den UF6-Bestand und die technische Expertise erhöht, desto geringer wird der Effekt einer Zerstörung der Anlage. Der Iran häuft Vorräte von UF6 an, das er dann selbst während eines Wiederaufbaus von Isfahan nach einem Angriff oder im Fall des Baus einer neuen Umwandlungsanlage anderswo anreichern kann.
Zweitens: Eine Verzögerung erlaubt es dem Iran, seinen Vorrat an niedrig angereichertem Uran (LEU) zu vergrößern – UF6-Gas, bei dem die U235-Isotop-Konzentration (die für nukleare Reaktionen sowohl in Reaktoren als auch Waffen entscheidende Form von Uran) von ihrem natürlichen Grad von 0.7% auf etwa 3 bis 5% erhöht wird.
Je mehr die LEU-Vorräte wachsen, desto mehr wächst auch die Fähigkeit Teherans den nächsten Schritt zu nehmen und sie zu waffenfähigen Konzentrationen von mehr als 90% (hoch angereichertes Uran oder HEU) anzureichern. Einige in Nuklearfragen Unbewanderte schätzen die Differenz in den LEU-HEU-Konzentrationsgraden gering ein. Die Wahrheit ist weit davon entfernt. Die Anreicherung von natürlichem Uran durch Zentrifugen zu LEU  nimmt etwa 70% der Arbeit und Zeit in Anspruch, die für seine Anreicherung zu HEU benötigt wird.
Insofern eliminiert eine Zerstörung der Anreicherungsanlage in Natanz nicht das existierende angereicherte Uran (LEU), das sich nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) im Mai 2008 auf die Hälfte dessen beläuft, was für eine Atombombe benötigt wird. Der Iran hat also mit jedem Kilogramm von auf LEU-Grad angereichertem Uran bereits mehr als Zweidrittel des Weges zu waffenfähigem Uran zurückgelegt. Und so wie der LEU-Bestand wächst, so steigt auch das Risiko, dass bei einem Militärschlag ein oder mehrere Speichertanks getroffen werden und damit erhebliche Mengen von radioaktivem Gas in die Atmosphäre strömen.
Drittens: Obwohl man es nicht sicher wissen kann, weist alles darauf hin, dass der Iran seine Nuklearanlagen auf unbekannte Orte verteilt, womit er Luftangriffe gegen die bereits bekannten „erschwert“, und tiefer vergrabene Anlagen an bekannten Orten für zukünftige Operationen vorbereitet. Das bedeutet, dass die Erfolgsaussichten etwa gegen die Anreicherungsanlage in Natanz geringer werden.
Viertens: Augenscheinlich steigert der Iran seine Verteidigungsfähigkeiten durch den Erwerb russischer S-300-Flugabwehrsysteme (auch bekannt als SA-20), direkt oder über Weißrussland. Ende Juli haben Verteidigungsminister Robert M. Gates und sein Sprecher israelischen Behauptungen widersprochen, wonach die neuen Flugabwehrsysteme noch dieses Jahr in Betrieb gehen würden. Wenn das Pentagon Recht hat, würde seine eigene Einschätzung des Timings das Argument für einen israelischen Schlag lieber früher als später noch verstärken.
Fünftens: Der Iran baut die Angriffsfähigkeiten von Stellvertretern wie Syrien und Hisbollah weiter aus; beide haben ein Raketenpotential, das nach Israel herüberreicht, und bedrohen die US-Truppen und Freunde und Verbündete der USA in der Region. Es könnten durchaus Syrien und die Hisbollah sein, die nach einem israelischen Angriff auf iranische Nuklearanlagen Vergeltung üben und dadurch weitere Schläge gegen den Iran zumindest kurzfristig erschweren werden.
Der Iran verfolgt zwei Ziele gleichzeitig, beide sind in komfortabler Reichweite. Das erste – die für eine verfügbare Atomwaffe nötigen Fähigkeiten zu erlangen – lässt sich nahezu sicher nicht mehr diplomatisch verhindern.  Daher wird Irans zweites Ziel entscheidend: dafür zu sorgen, dass die Risiken eines militärischen Angriffs gegen ihn zu groß und die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs einer Zerschlagung des Programms zu niedrig sind. Beim Erreichen dieser Ziele hat der Iran die Zeit auf seiner Seite. US-amerikanische und europäische Diplomaten sollten dies bedenken, wenn sie am Telefon auf einen Anruf des Iran warten.
John Bolton ist Senior Fellow am American Enterprise Institute und früherer UN-Botschafter der USA.
Originaltext:
http://online.wsj.com/public/article_print/SB121789278252611717.html

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