Iran: Wenn die Sittenwächter zuschlagen

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Iran: Wenn die Sittenwächter zuschlagen*
 
Wahied Wahdat-Hagh von Wahied Wahdat-Hagh, Kolumnist für WELT DEBATTE
 
 
In den letzten Tagen wurden im Iran über 150.000 Frauen vorläufig verhaftet, weil sie die staatlich vorgeschriebene Kleiderordnung nicht beachtet haben. Das Ausmaß der Verhaftungen erinnert an die revolutionären Zeiten des Iran.

Es handelt sich um eine massive Kampagne zur Durchsetzung eines rigiden Kopftuchzwanges für iranische Frauen. Laut Medienberichten geht der Staatsklerus seit dem 14. April gegen „Bad-Hejabi” – was „schlechtes Tragen der Kopfbedeckung” bedeutet – vor. Es gibt aber auch Widerstand von Frauen, Studenten, Lehrern und Schriftstellern.

Die repressiven Maßnahmen gegen die Frauen sind nicht zufällig. Vor dem Hintergrund der Atomkrise und des internationalen Druckes kann die Diktatur einen inneren Widerstand nicht dulden und versucht die Uhr noch mehr zurückzudrehen.

Das Ausmaß der Verhaftungen erinnert an die revolutionären Zeiten des Iran, zu Beginn der 80er Jahre. Allein am 14. April, dem ersten Tag der Razzien der Sittenpolizei, wurden 1347 Frauen in Teheran verwarnt. 117 Frauen bekamen Ordnungsstrafen, 58 Frauen werden seitdem aktenkundig verfolgt. 47 Autos, die den Frauen gehörten, wurden beschlagnahmt. Farsnews vom 22.4.2007

Die Teheraner Staatsanwaltschaft forderte sogar die „Verbannung der Frauen von der Hauptstadt”, wenn sie der Aufforderung der islamischen Kopfbedeckung nicht folgen würden. Farsnews vom 26.4.2007

Für Seyyed Ahmad Khatami, Prediger des Teheraner Freitagsgebets, bedeuten die Verhaftungen nichts mehr, als die „Säuberung und Gesundung der Gesellschaft, um eine moralische Sicherheit in der Gesellschaft herzustellen.” IRNA vom 27. 4. 2007

Und Präsident Ahmadinedschadad will eigentlich auch nur die „Jugend vor der Propaganda der Feinde schützen.” IRNA vom 27.4.2007

Tatsächlich hatte Sardar Ahmadreza Radan, Oberkommandeur der Teheraner Polizei, schon am 8. April verschärfte Maßnahmen gegen „Bad-Hejabi” angekündigt. Er hatte von der iranischen Gesellschaft als einer „Wertegesellschaft” gesprochen. Die Bevölkerung werde die „Verletzung der Werte” nicht hinnehmen. Daher betrachte die Polizei es als ihre Pflicht die „allgemeinen gesellschaftlichen Normen zu schützen.” Kein Millimeter von den Beinen einer Frau dürfe sichtbar sein, denn dies sei Grund für eine Verhaftung. Farsnews vom 8.4.2007

Gleich 203 Mitglieder des islamistischen Parlaments haben in einem Brief an den Präsidenten Ahmadinedschadad ihre Zustimmung zum Kampf gegen den „gesellschaftlichen Verfall” erklärt. In dem Brief wird „Amerika und der internationale Zionismus als die Mutter des westlichen Verfalls” beschrieben. Diese „Feinde” würden mit Hilfe der modernen Kommunikationstechnologie „in einem kulturellen nächtlichen Angriff einen Massenmord gegen die unschuldigen Kinder und die Jugend der islamischen Heimat veranstalten,” als ob westliche Aufklärung wirklich die iranische Jugend vergiften würde. Es wird sogar behauptet, dass das Nicht-Tragen von Hejab ein „koloniales Phänomen” sei. Sie fordern ein „schonungsloses islamisches Vorgehen”. Farsnews vom 25.4.2007

Es gibt aber auch Kritik an den Kampf der Sittenwächter, sogar von einem Hardliner:
Der Vorsitzende der Judikative, Hashemi Shahroudi, mahnte, dass die „Auseinandersetzung mit den Normabweichungen nicht in einer Form stattfinden sollten, die zu irreversiblen Schäden in der Gesellschaft führt.” Alle Verantwortlichen auch der staatlichen Verwaltung sollten darauf achten, dass die Frauen sorgfältig ihre Kopfbedeckung tragen.
Farsnews vom 23.4.2007

Die Widersprüche zwischen den Organen der Diktatur und der nach Freiheit schreienden Gesellschaft werden immer größer.

Zwar wurde die Zwangsverschleierung erst nach der islamischen Revolution mit diktatorischen Mitteln durchgesetzt, dennoch propagiert die Staatsideologie die Zwangsverschleierung als eine unwiderrufliche islamische und iranische „Sitte und Norm der Gesellschaft”. Gegenwärtig dürfen die Frauen nur ihr Gesicht und ihre Hände sichtbar zeigen.

Vor diesem Hintergrund wurde das lockere Tragen des Kopftuches zu einer Form des Widerstandes, der noch nicht aufgehört hat zu existieren.

Parvin Ardalan, die gemeinsam mit zwei anderen Frauen kürzlich zu drei Jahren Haft, davon zweieinhalb Jahre auf Bewährung verurteilt worden ist, sieht noch Licht am Ende des Tunnels, wenn sie in dem Frauen-Weblog “Sanestan” schreibt, dass es Ansätze gebe, dass reformorientierte Frauen und säkulare Frauen sich in Zukunft zusammentun, um Veränderungen herbei zu führen.

Und in der Tat werden die staatlichen Aktionen in iranischen Weblogs diskutiert. Beispielsweise fragt eine Leserin der reformorientierten Zeitung Entekhab: „Warum sind eigentlich die Planer der staatlichen Aktionen alle Männer?”

Eine andere Person schreibt: „Niemand darf eigentlich darüber bestimmen wie andere sich kleiden.” Eine Frau schreibt: „Ich bin dafür, dass alle Männer Kopftücher tragen. Sie sollten besser sogar einen afghanischen Schleier tragen, damit ihr Gesicht vollständig verhüllt ist. So könnte die Gesellschaft vielleicht zur Ruhe kommen.” Eine weiterer Stimme knüpft daran an: „Ja, ich bin auch dafür, dass die Männer Kopftücher tragen. Ich werde als Erster eine Kopfbedeckung tragen.” Die Polizei solle sich dafür einsetzen, dass diese Forderung durchgesetzt werde. Entekhab vom 24.4.2007

Auch der iranische Schriftstellerverband hat sich ausdrücklich gegen die neue Verhaftungswelle gewandt. In einer Erklärung heißt es: „Was wollt ihr von den Menschen? So viel Zensur, so viele Morde, warum? Lasst die Bevölkerung in Ruhe.” Der Schriftstellerverband kritisiert die Verhaftung von protestierenden Lehrern, Studenten, Journalisten und Arbeitern. Und bezüglich der Zwangsverschleierung heißt es: „Die Freiheit der Wahl der Verschleierung, die zu den elementarsten Rechten der Menschen gehört, habt ihr den Frauen genommen.” Der Schriftstellerverband fordert ein Ende der „Unvernunft und der Unterdrückung.”

Tausende Studenten haben in den letzten Tagen in der Provinz Mazandaran und in Shiras gegen die neue Verhaftungswelle demonstriert.
Auch die Schüler- und Studentenorganisation Adware Tahkime Wahdat fordert ein „offenes gesellschaftliches Klima”. Nur wenn die Gesellschaft frei und demokratisch sei, könne Friedfertigkeit gewährleistet werden.
Advarnews vom 25.4.2007

Keine Geringere als die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hat schon vor Wochen mehrfach festgestellt, dass die Proteste der Frauen legitim seien. Die Frauen verfolgten keine umstürzlerischen Ziele und wollten nur ihre Position in der Gesellschaft verbessern. Roozonline vom 8.3.2007.

 

 

*Zuerst veröffentlicht bei WELT Online. Für die Rechte zur Weiterveröffentlichung bedanken wir uns beim Autor.

 

 

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