DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER IN TEHERAN – Die wollen nur spielen

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DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER IN TEHERAN
Die wollen nur spielen* 

Von Henryk M. Broder


Ein deutsches Orchester tritt in Teheran auf? Nichts dagegen einzuwenden – im Prinzip. Das Problem ist nur: Die Osnabrücker Symphoniker tanzen nach der Melodie des Mullahs, anstatt wenigstens symbolisch Kritik am Terrorregime zu üben.

Viele Banalitäten, die noch vor zwei, drei Generationen als gesicherte Erkenntnis galten, sind längst empirisch widerlegt: dass Frauen nicht für den Militärdienst taugen, Deutsche überdurchschnittlich fleißig, Juden besonders intelligent, Holländer extrem geizig und Österreicher von Natur aus charmant und gastfreundlich sind. Andere Binsen dagegen kennen kein Verfallsdatum: Armut ist die Ursache für Terrorismus, Kultur bringt Menschen und Völker einander näher.

Innerhalb der deutschen Kultur wiederum kommt der Musik eine ganz besondere Rolle zu. „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, hat schon der Dichter Johann Gottfried Seume, ein Zeitgenosse Goethes, behauptet. Das Sängerfest auf der Wartburg im Jahre 1206 mit Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach wurde von Richard Wagner im „Tannhäuser“ verewigt. Kein Bildungsbürger, der das „wohltemperierte Klavier“ nicht dem „Radetzkymarsch“ vorziehen würde, während die niederen Stände zwischen dem „Musikantenstadl“ und der „Hitparade der Volksmusik“ schwanken.

Mit unabsehbaren Konsequenzen: Ein Volk, das sich von Florian Silbereisen, Hansi Hinterseer und den Wildecker Herzbuben unterhalten lässt, lässt sich im Notfall auch von Oskar Lafontaine regieren. Und wer an die erzieherische, kreative und versöhnliche Kraft der Musik glaubt, der sollte bedenken, dass SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich Komposition gelernt hatte und ein sehr begabter Cello-, Geige- und Klavierspieler war. Einige KZ-Kommandanten waren in ihrer Freizeit große Musikliebhaber und förderten im Rahmen ihrer Möglichkeiten kleine Ensembles. Mit Musik geht eben alles besser.

Und nun erleben wir an einem extrem anschaulichen Beispiel, was Musik vermag oder wozu Musiker imstande sind.

Kopftuch statt Schweigeminute

Das Osnabrücker Symphonie-Orchester ist nach Teheran gereist, um dort Brahms und Beethoven zu spielen und damit zur Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Islamischen Republik Iran beizutragen. Mit dem Gastspiel soll auch demonstriert werden, „dass es viele Ähnlichkeiten zwischen uns gibt und dass wir keinen Grund haben, einander zu fürchten“, wie es der Leiter des Osnabrücker „Morgenland Festivals“ nach der Landung in Teheran sagte.

Zu den Maßnahmen, die Angst abbauen und Vertrauen bilden sollen, gehört auch, dass die Musikerinnen des Orchesters während der Konzerte Kopftücher tragen müssen. Die Gäste folgen also den Anstandsregeln der Gastgeber, die ihrerseits nicht versprochen haben, mit der Urananreicherung auszusetzen, bis die Tournee vorbei ist. Natürlich spricht prinzipiell nichts dagegen, dass deutsche Musiker in Teheran ein Konzert geben.

Im Gegenteil. Auch wenn es nur eine symbolische Geste wäre, sie könnten ihren Auftritt mit einer Schweigeminute für die Opfer des Mullah-Regimes beginnen oder die „Todesfuge“ von Paul Celan in der Vertonung des DDR-Komponisten Tilo Medek spielen, um den vielen Iranern, die in den letzten Wochen öffentlich hingerichtet wurden, eine letzte Ehre zu erweisen. Sehr subtil und völlig unverdächtig wäre es, wenn sie „Näher, mein Gott, zu Dir“ anstimmen würden, einen Choral, den das Bordorchester der „Titanic“ spielte, als das Schiff in den Fluten versank.

Kritiklos spielen, spielen, spielen

Aber die geigenden Gäste aus der „Friedensstadt Osnabrück“ denken nicht einmal im Traum daran, ihre Gastgeber zu kränken. Alles, was sie wollen, ist: spielen, spielen, spielen. So wie die Sportler, die 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teilnahmen, nichts von den Nazis wissen und nur eines wollten: laufen, laufen, laufen.

Nein, dieser Vergleich ist weder unfair noch übertrieben. Im Jahre 1936 waren die Nazis erst vier Jahre an der Macht, die „Nürnberger Gesetze“ waren zwar schon verabschiedet, aber der Krieg noch in weiter Ferne und Auschwitz nur eine unbekannte Kleinstadt namens Oswiecim irgendwo in Polen. Die Mullahs dagegen regieren seit 28 Jahren, sie haben Millionen von Iranern ins Exil getrieben und im Lande ein Terror-Regime etabliert, das an Ausdauer, Brutalität und krimineller Energie gemessen zu den besten seiner Art zählt.

Während die Nazis 1936 noch trainierten, haben die Mullahs schon lange bewiesen, wie effektiv sie arbeiten und wozu sie in der Lage sind. Dabei muss man sich nicht einmal darüber aufregen, dass die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie, die der Iran anstrebt, dazu dienen soll, die Region nach den Vorstellungen der Mullahs zu „pazifizieren“. Es reicht, wenn man zur Kenntnis nimmt, was das Regime mit der eigenen Bevölkerung anstellt, wie es angebliche Verbrecher reihenweise öffentlich exekutiert, die Baha’i verfolgt und alle Ansätze einer Demokratisierung im Keim erstickt.

Macht heiligt die Mittel

Unter solchen Umständen Brahms und Beethoven in Teheran zu spielen, bedeutet nach der Melodie des Regimes zu tanzen. Und so wie die Nazis 1936 von den Olympischen Spielen profitiert haben, indem sie der Welt ein fröhliches und friedliches Deutschland vorgaukelten, profitiert vom Gastspiel der Osnabrücker Symphoniker nur das iranische Regime, dem jede Gelegenheit recht ist, die Welt zu täuschen.

Das ist das gute Recht der Mullahs. Wie in jedem totalitären System bestimmt der Wunsch, an der Macht zu bleiben, die Wahl der Mittel.

Der Skandal liegt darin, dass sie dabei Hilfestellung aus einem Land erhalten, in dem Parolen wie „Wehret den Anfängen!“, „Nie wieder 33!“ und „No blood for oil!“ das Tischgebet und das Vaterunser ersetzt haben. Je länger das Dritte Reich zurück liegt, umso stärker artikuliert sich der Widerstand gegen die NS-Diktatur, während der Umgang mit gegenwärtigen Diktaturen umso lässiger und nachlässiger ausfällt, je größer die Kaufkraft der regierenden Despoten ist.

Wie krankhaft naiv oder unheilbar gesund Kulturschaffende sein können, die sich ihre gute Laune nicht einmal von den Schreien gesteinigter Frauen nehmen lassen, kann man derzeit jeden Tag in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ studieren. Da veröffentlicht einer der Musiker sein „Teheraner Tagebuch“. In der ersten Folge beschreibt er noch die Freuden der Reise („Und ich kann meine Passion ausleben: Fliegen! Für unglaubliche zweieinhalb Stunden darf ich im Cockpit bleiben – einschließlich Landung“) und die Ankunft in der Stadt: „Und so fahren wir vom Imam-Khomeini-Flughafen am Imam-Khomeini-Mausoleum vorbei nach Teheran. Einen Tag haben wir jetzt Zeit, uns über den wahnsinnigen Verkehr in der Zwölf-Millionen-Stadt zu wundern und uns auszuruhen.“

Bloß keinen Ärger

Gut erholt von den Strapazen holt er am nächsten Tag drei Bassgeigen und eine Harfe beim Zoll ab: „Der Beamte ist sehr hilfsbereit.“ Nur die Hitze macht ihm zu schaffen, „auf 40 Grad steigt das Thermometer heute“.

Am dritten Tag wird es ernst. „Eine Stunde vor dem Konzert bekomme ich einen Hinweis von einer iranischen Frau: Im Saal werden nicht nur musikinteressierte Zuhörer sitzen, sondern auch Mitglieder der iranischen Behörden, die vor allem darauf achten werden, wie wir gekleidet sind.“ Daraufhin veranlasst er das Notwendige: “ Ich gehe deshalb zu jeder Frau im Orchester und bitte sie, vor allem auf die Kopftücher zu achten. Die Damen reagieren und ziehen sich die Tücher bis tief in die Stirn oder legen sie neu an. Bloß keinen Ärger mit diesen Leuten bekommen.“

Danach läuft alles „fantastisch“: Am Ende sind alle glücklich. „Ich schaue in die erste Reihe. Dort sitzen die kulturellen Vertreter des Landes. Sie haben ein Lächeln im Gesicht. Wir spüren, wie sehr Musik in der Lage ist, die Herzen der Menschen zu erreichen…Wir feiern bis drei Uhr früh. Das Osnabrücker Symphonieorchester ist jetzt vielleicht das glücklichste Orchester der Welt.“

Zur Ehrenrettung der Osnabrücker Symphoniker muss nur noch gesagt werden, dass zehn Mitglieder des Orchesters nicht mitgefeiert haben. Sie sind in Osnabrück geblieben.


 


*Zuerst veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE. Für die Rechte zur Weiterveröffentlichung bedanken wir uns beim Autor.

 

 

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