Iran: Mehr als eine Predigt

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Iran: Mehr als eine Predigt*

Wahied Wahdat-Hagh von Wahied Wahdat-Hagh, Kolumnist für WELT DEBATTE
 
Ahmadinejad hat in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung bewiesen, dass er ein überzeugter Apokalyptiker ist, der an einen Messias glaubt, der kommen werde, um das islamische Weltreich zu errichten und um die Herrschaft der westlichen Welt aufzuheben. Das ist mehr als eine Predigt.

Ende der westlichen Macht vorhergesagt

Nicht zum ersten Mal sprach der iranische Präsident Ahmadinejad von einem göttlichen Willen, der dafür sorgen werde, dass der verschwundene zwölfte Imam wieder erscheinen werde, um den islamischen Frieden weltweit durchzusetzen. Die Welt befindet sich demnach in einer Übergangsphase zur islamischer Weltherrschaft. Der Garant für die Realisierung der zukünftigen islamischen Weltherrschaft ist kein Geringerer als der verschwundene 12. Imam, der als Messias dafür sorge, dass auf der Welt Liebe und Gerechtigkeit vorherrschen werde.

Genau dies war auch die Begründung der Staatsphilosophie von Ayatollah Khomeini. Die Legitimation für die Herrschaft des Klerus gelte bis zur Wiederkehr des Messias.

Vor diesem Hintergrund rechnete Ahmadinejad in New York gleich mit der westlichen Welt ab. Er erklärte, dass die Völker und Regierungen der Welt sich nicht den Ungerechtigkeiten mancher Mächte fügen müssen. Ohnehin sei die Zeit dieser westlichen Mächte abgelaufen, ihr Vorherrschaftsanspruch sei passé. Die westlichen Mächte seien nicht geeignet die Welt zu führen.

Ahmadinejad zeigte adäquat zu dieser politischen Grundhaltung nicht den geringsten Respekt vor dem UN-Sicherheitsrat. Dieser sei ineffektiv. Dort seien nur Großmächte vertreten. Zum Kanon seines Denkens gehört ohnehin die Weltvorstellung, dass der islamische Gottesstaat zukunftsweisend sei und sonst gar nichts.

Menschenrechte? Nein, danke

Ahmadinejad hält auch nichts vom Prinzip der universellen Menschenrechte, sowie diese in der UN-Charta festgeschrieben sind. Unter Islamisten herrscht die Vorstellung, dass die Schariagesetze, die Feqh, die wahren Rechte der Menschen darstellen und nicht irgendwelche von Menschen erdachte Vorstellungen. Zumal, wie Ahmadinejad hervorhob, die Menschenrechte gleichzusetzen seien mit kapitalistischen Unternehmerinteressen. Dies werde täglich an der Irakpolitik sichtbar.

Ahmadinejad beklagte den Hunger, die Armut und den Analphabetismus in der Welt. Als ob wirklich für all das Elend in der Welt die westliche Vorherrschaft verantwortlich sei. Er ging aber auch nicht darauf ein, warum die Menschen im iranischen Gottesstaat heute ärmer sind als vor dreißig Jahren. Die westliche Welt verfällt nach seiner Vorstellung, die Zukunft gehöre dem Islam. Das iranische Regime beansprucht auch nur die Führung der islamischen Welt.

Allerdings verschwieg er, dass im iranischen Gottesstaat gegenwärtig die meisten Prostituierten im Mittleren Osten leben, dass im islamischen Gottesstaat große Drogen- und Aidsprobleme existieren, dass die iranische Gesellschaft heute sehr arm ist, dass Arbeitslosigkeit und Inflation unlösbare Probleme darstellen. Er wusste in seiner Rede an der Columbia Universität aber zu berichten, dass in der Islamischen Republik keine Homosexuellen existieren.

Er vergaß aber zu sagen, dass der vermeintliche göttliche Wille, der im Iran herrsche, dafür sorge, dass Jugendliche unter dem Vorwurf der Homosexualität erhängt werden. Ahmadinejad glaubt tatsächlich, dass der Staat jeden Homosexuellen erwischt und erhängt, weswegen es keine Homosexuellen im Iran gebe. Aber darüber spricht der höfliche Präsident nicht. Auch nicht darüber, dass er vor wenigen Monaten die islamische Polygamie empfahl, die die Ursache für die Prostitution im Iran ist. Er sprach von der heiligen Familie und nicht von der Verhaftung von Tausenden Frauen und Jugendlichen, wegen unislamischer Bekleidung. Alles zukunftsweisender göttlicher Wille?

Auf einer Pressekonferenz in New York wurde der Präsident nach der Verfolgung der Angehörigen der Baha´i-Religion gefragt. Er kannte die Namen der Offenbarer der jüdischen, der christlichen und der islamischen Religion. Und fragte, wer denn eigentlich der Offenbarer der Baha´i sei. Er vergaß zu sagen, welche Rolle die Baha´i in der Entwicklung der iranischen Geschichte in den letzten 170 Jahren gespielt haben. Offenbar weiß der Präsident es nicht.

Ja, der iranische Präsident forderte die Demokratisierung der UNO, aber an eine Demokratisierung des Iran denkt er nicht.

Ist es nicht beschämend, dass unter der Fahne der UN-Charta, die für die Durchsetzung der universellen Menschenrechte zuständig ist, eine solche Umkehrung der Tatsachen propagandistisch von einem Vertreter einer totalitären Diktatur geführt wird?

„Illegitimes zionistisches Regime“

Ahmadinejad bezeichnete in seiner UN-Rede Israel als ein „illegitimes zionistisches Regime. Er fügte hinzu: „Die kulturlosen Zionisten terrorisieren die Bevölkerung in ihren Häusern. Die Terroristen bekommen dann Friedensmedaillen.“ Dabei ist es das iranische Regime, das seine Einnahmen aus dem Ölgeschäft für die Förderung von terroristischen Bewegungen im Mittleren Osten ausgibt, insbesondere für die Hizbollah, Hamas und Jihade Islami. Das iranische Regime unterstützt irakische Aufständische und die syrische Regierung, die demokratische Politiker in Libanon ermorden lässt. Denn im Iran gelten diese Kräfte der terroristischen Gewalt als Befreier Sie sind es, die dafür sorgen werden, dass der vermeintliche göttliche Wille einer islamischen Herrschaft in der Region und wohl der islamischen Weltherrschaft durchgesetzt werden.

Ein Tag vor der Rede des Präsidenten in New York konnte man in der Zeitung Kayhan, die als Sprachrohr des Staatsführers des Iran, Ali Khamenei, gilt, lesen, dass ein Vertreter der Jihade Islami in Teheran stolz vom Abwurf zweier Raketen auf Israel berichtete und sicher war, dass das „Leben des Jerusalem besetzenden Regimes bald zu Ende geht.“

Atomprogramm ist kein Thema mehr

Ahmadinejad erklärte ausdrücklich, dass „aus unserer Sicht das Thema Atomprogramm ein Ende gefunden hat.“ Es gibt einige Fragen, die lediglich im Rahmen der IAEA untersucht werden müssten. Er betonte den friedlichen Charakter des iranischen Atomprogramms. Die iranischen Machthaber glauben, dass der Frieden erst nach dem Ende der westlichen Vorherrschaft kommen könne. Nach der schiitischen Vorstellung im Islam werde der kommende Messias eine letzte Schlacht gegen die böse Welt führen. Die iranische Gesellschaft wird auf diese messianistische Endperspektive seit Monaten vorbereitet.

Ahmadinejad und der iranische Führer Ali Khamenei meinen, dass die Entscheidungen des UN-Sicherheitsrates nicht legitim seien, weil das Gremium immer noch von den Siegermächten des zweiten Weltkrieges dominiert werde. Wollen Ahmadinejad und die Verantwortlichen des iranischen Regimes etwa den nächsten Weltkrieg gewinnen, wenn sie von der islamischen Weltherrschaft träumen?

Es ist demnach nur konsequent, dass der Iran wenige Tage vor dem Auftritt des Präsidenten in New York weiter entwickelte Raketen testete, die inzwischen Athen erreichen können. Dabei hatte der Iran der EU zugesagt die Raketen nicht mehr weiter zu entwickeln. Die neuen Raketen können fünfhundert Kilometern weiter fliegen als Schahab 3-Raketen. Die Schahab-3 Raketen hatten nach iranischen Angaben schon vor drei Jahren eine Reichweite von zweitausend Kilometern.

Just einen Tag vor dem UN-Auftritt des Präsidenten berichtete das iranische Führerblatt Kayhan, dass „der Westen nur die Teile des iranischen Atomprogramms kennt, von denen die IAEA-Inspekteure wissen. Sie wissen nicht mehr.“ Der Westen wüsste einfach nicht, ob infolge eines militärischen Angriffs auf Iran alle Anlagen zerstört werden könnten.

Ist das iranische Atomprogramm wirklich kein Thema mehr? Hat Präsident Ahmadinejad nicht einfach das Podium in der UN-Generalversammlung missbraucht, wenn er unter der Fahne der universellen Menschenrechte höflich, als ob es sich um eine Predigt handeln würde, die Zeit der westlichen Demokratien als beendet erklärt, als ob die Welt wirklich islamisch werden müsste?

 


*Zuerst veröffentlicht bei WELT Online. Für die Rechte zur Weiterveröffentlichung bedanken wir uns beim Autor.

 

 

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