Israels Mauer und Zaun

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Jerusalem, 29. Oktober 2009 – Die Berliner Mauer war einst eine Touristenattraktion wie kein anderes Monument in der geteilten Hauptstadt Deutschlands. Heute begrüßt das israelische Tourismusministerium Pilger und Touristen auf dem Weg zur Geburtskirche in Bethlehem mit einem 10 Meter hohen Plakat an der Mauer mit dem Spruch: „Friede sei mit Euch.“ Nicht minder geschmacklos sind Graffiti, mit denen „Künstler“ die Mauer schmücken. Neben meterhohen Portraits von Arafat gibt es praktische Hinweise „Hier die Bombe ansetzen“ oder „Gott wird die Mauer zerstören“ und „Jesus weinte“. Palästinensische Geschäftemacher lassen sich Liebesverse und Protestparolen zuschicken und spritzen die gebührenpflichtig auf die graue Betonmauer. Die Mauer machte den ehemaligen palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmad Qureia zum Multimillionär. Er lieferte den Zement für die 10 Meter hohen Segmente.
Die DDR nannte ihre Mauer seinerzeit zynisch „anti-faschistischer Wall“, als ob faschistische Westdeutsche in das sozialistische Paradies stürmen wollten. Genauso reden Palästinenser von einer „Berliner Mauer“, als ob der jüdische Staat seine Bürger bremsen müsse, in das palästinensische Paradies, etwa im Gazastreifen, zu fliehen. Auch Bezeichnungen wie „Apartheidmauer“ sind keine Reflektion der Wirklichkeit. Mit Rassismus hat der Wall wenig zu tun. Östlich der Mauer leben neben den von Israel ausgesperrten palästinensischen Bürgern der Autonomiebehörde auch 300.000 israelische Siedler, die meisten von ihnen Juden. Westlich der Mauer gibt es neben der jüdischen Mehrheit Israels auch noch 1,2 Millionen arabische Bürger des jüdischen Staates. 
Katholische wie protestantische Bischöfe aus Deutschland lassen sich gerne vor den Propagandakarren rund um die „Mauer“ spannen. Ebenso Politiker aus aller Welt. So wurde Ramallah mit dem „Warschauer Ghetto“ verglichen, während zu Weihnachten aus dem „ummauerten Bethlehem“ berichtet wird. Dabei ist die Trennmauer zwischen Jerusalem und Bethlehem gerade mal einen Kilometer lang, während nach Osten und Süden alles offen ist. Inzwischen sind auch die meisten Straßensperren weggeräumt. Als eine deutsche Journalistengruppe zu einem Treffen mit der palästinensischen Tourismusministerin Choulud Daibes kam, ohne die Mauer zu passieren, und Daibes mit ihrem Klagelied über das „völlig ummauerte Bethlehem“ anhob, meinte eine Journalistin, dass sie gar keine Mauer gesehen habe. Daibes fragte den ortskundigen Reiseleiter, über welchen Weg die Gruppe zu ihrem Büro gelangt sei. Der antwortete: „Über Walladsche“. Daibes konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, meinte jedoch: „Das ist aber nicht nett.“
Während die Palästinenser teilweise zurecht und teilweise mit Übertreibungen nur über die Folgen der Mauer reden, von „Landraub“, „Wasserklau“ und einer Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, redet das offizielle Israel von einem „Anti-Terror-Sperrwall“. Von geplanten 790 Kilometern sind etwa 500 Kilometer fertig gestellt. Nur etwa 5 Prozent sind Mauer, der Rest Zäune mit Patrouillenstraße, Gräben und elektronischer Überwachung. Die „Folge“ des Mauerbaus, aus israelischer Sicht, ist das Ende der Selbstmordattacken in israelischen Städten. Im Jahr 2002 ließ sich Ministerpräsident Ariel Scharon überzeugen, die Palästinenser mit physischen Sperren aus Israel fernzuhalten. Weil Selbstmordattentate kaum mehr durchführbar sind, beendete Scharon so die El Aksa Intifada. Sie hatte über 5000 Palästinensern das Leben gekostet und fast 1400 Israelis.
Eine „Grenze“, eigentlich nur eine Waffenstillstandslinie, verlief zwischen 1949 und 1967 mitten durch Palästina/Groß-Israel. Diese Linie verwischte sich völlig, bis die Palästinenser während der ersten Intifada ab 1987 forderten, dass Israel diese Linie wieder mit einem Zaun versehen möge. Linksgerichtete israelische Minister schlugen nach den Osloer Verträgen 1993 vor, die Grenze zu markieren, um den Palästinensern ihren „guten Willen“ in Richtung Zwei-Staaten-Lösung zu beweisen. Das Kabinett lehnte ab, weil das einem Vorgriff auf künftige Verhandlungen über den Grenzverlauf gleichgekommen wäre. Ohne mehr auf Verhandlungen zu warten, errichtete Scharon infolge des Terrors dann Zaun/Mauer und bestimmte ihren Verlauf gemäß seinen politischen, militärischen und anderen Interessen.
Vor Allem rechtsgerichtete Politiker und Aktivisten auf beiden Seiten kritisieren die Existenz der Mauer, weil sie Palästinenser daran hindert Tel Aviv, Jaffo oder Ramle im „besetzten Palästina“ zu besuchen, und umgekehrt, weil sie Juden den Weg zu heiligen Stätten im biblischen Heimatland versperrt.

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