Redetext von Prof. Dr. Leo Latasch, anläßlich der Gedenkstunde zum 9. November, vom 9.11.2014 aus der Paulskirche in Frankfurt am Main

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„Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst”
sagt Petra Fuchs (et al.)

Prof. Dr. Leo Latasch (Foto: Jüdische Allgemeine)

Prof. Dr. Leo Latasch
(Foto: Jüdische Allgemeine)

Am 9. November 1938 um 23:55 Uhr wurde von Heinrich Müller, damals stellvertretender Chef des Amtes Politische Polizei im Hauptamt Sicherheitspolizei, ein geheimes Fernschreiben gesendet:

„An alle Staatspolizeistellen und Staatspolizeileitstellen: Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören.

Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen im Laufe dieser Nacht. Durch entsprechende Maßnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Staatspolizei auf jeden Fall sicher zustellen”.

Aus der Biographie von Prof. Simon Isaac: „Mein Leben”, ein berühmter Mediziner, seit 1925 Chefarzt der Inneren Abteilung des Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt.

„Am Morgen des 10. November 1938 sagte mir unsere Haushilfe das die Westend-Synagoge brennen würde. Kurz danach erhielt ich einen Anruf von unserem Verwaltungsleiter, der mich bat, sofort in die Klinik zu kommen. Auf dem Weg dorthin kam ich an 3 brennenden Synagogen vorbei, die Feuerwehr stand daneben und unternahm gar nichts. Jüdische Geschäfte waren zerstört, die Schaufenster zerschlagen, die Einrichtung zertrümmert. Überall sah man Gruppen von Menschen, die von Haus zu Haus zogen, um weiter bei jüdischen Nachbarn und Bürgern zu demolieren und zu rauben.

In der Klinik erfuhr ich, dass zahlreiche jüdische Menschen in den Morgenstunden verhaftet wurden und in die Festhalle verbracht worden waren. Jüdische Bürger wurden auf den Strassen mißhandelt, wo immer man Ihrer habhaft wurde.

Gegen Mittag näherte sich der Mob dem Krankhaus. Wir konnten verhindern, dass sie die Stationen verwüsteten, sie begnügten sich mit der Plünderung des Safes in der Verwaltung und entwendeten 15.000 RM.

In den nächsten Stunden suchten immer mehr Juden Zuflucht in der Klinik. Um 14:00 Uhr teilte mir eine Schwester mit, das sich gerade einer der Oberärzte mit Gift umgebracht hätte. Die Gestapo hatte nach ihm gesucht, er entzog sich der Verhaftung durch Selbsttötung. Meine Frau informierte mich, dass die Gestapo auch nach mir suchte, ich meldete mich einfach nicht.

Abends kam von Goebels die Order, die Aktionen einzustellen. Am nächsten Tag wurde ich von der Gestapo verhaftet aber (erstaunlicherweise) nach Durchsuchung unserer Wohnung ohne Mißhandlungen freigelassen.

Am 11. November 1938 gelang es mir, einen Großteil meiner Ärzte zu befreien, es dauerte aber noch einige Tage, da einige von Ihnen bereits in Konzentrationslager deportiert waren. Nach Rückkehr aus dem KZ, beging ein weiterer Arzt Suizid.

Ab 10. November kontrollierte die Gestapo alle Ein- und Ausgänge des Krankenhauses, SS-Ärzte überprüften die Diagnosen und die jüdischen Patienten, die man als nicht sofort behandlungsbedürftig empfand, wurden sofort verhaftet und deportiert”.

(Simon Isaak, gelang 1939 die Flucht mit seiner Familie nach England, wo er 1941 starb. Auch er wurde durch den britischen Generalkonsul Smallbones gerettet, wie viele andere Juden auch).

Der 09. November 1938 war der Beginn vom Ende der jüdischen Ärzteschaft in Deutschland. Es begann nach der existentiellen auch die physische Vernichtung.

Im Deutschen Reich gab es 1933 ca. 8.000 jüdische Ärzte von insgesamt 52.000 Ärzten, jeder zweite Kinderarzt war jüdischen Glaubens. Mithin waren 15% aller Ärzte jüdisch, wobei der Bevölkerungsanteil der Juden um weniger als 1% lag. Für die Nationalsozialisten waren Mediziner wichtige Stützpfeiler im biologisch-ideologisch gearteten Aufbau eines gesunden Volkskörpers, „Volksschädlinge” waren zu entfernen. Jüdische Ärzte bildeten insofern daher ein besonderes Ziel als es den Nationalsozialisten auch um eine berufsspezifische Verdrängung bzw. Vernichtung ging.

Die deutsche Ärzteschaft war deutlich mehr als die Durchschnittsbevölkerung nationalsozialistisch organisiert. 45% aller Ärzte traten nach 1933 in die NSDAP ein.

Bereits 1933 folgt eine Verordnung nach der anderen, alle mit dem Ziel der Auflösung, ja der Vernichtung jüdischer Ärzte:

März 1933 beginnt der Deutsche Ärztevereinsbund sowie der Hartmannbund jüdische Mitglieder aus Vorständen und Ausschüssen zu entfernen.

Die NSDAP inszeniert am 1. April 1933 den sog. Judenboykott, wobei jüdische Arztpraxen als bevorzugtes Ziel dienen. Schmierereien, Plakate mit der Aufschrift „meidet jüdische Ärzte” aber auch teilweise massive Sachbeschädigungen sind an der Tagesordnung.

SA-Trupps holen in Berlin jüdische Ärzte selbst aus Operationssälen heraus und verschleppen sie in eine ehemalige Kaserne. Dort werden einige so mißhandelt, dass sie an den Folgen noch vor Ort versterben, man schlug sie tot.

Eine Woche nach dem Boykott (April 1933) wird das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verkündet. Beamtete jüdische Ärzte und Hochschullehrer werden aus universitären, kommunalen, sowie staatlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens entlassen.

Mit der Verordnung des Reichsarbeitsministeriums vom 22. April 1933 wird den jüdischen Ärzten im gesamten „Deutschen Reich” die Kassenarzttätigkeit verboten.

Im Mai 1934 wird dann allen Ärzten mit jüdischen Ehepartnern die Kassenzulassung entzogen.

Ab Februar 1935 ist die Approbation, also die Zulassung als Arzt, an den Ariernachweis gekoppelt.

Ab Oktober 1936 erhalten im öffentlichen Dienst Beschäftigte keine Beihilfen und Unterstützungen mehr für Kosten, die durch Inanspruchnahme jüdischer Ärzte entstehen.

Diese Aktionen führten zu mehreren Auswanderungswellen von jüdischen Ärzten. Nach Schätzungen ist die Anzahl der noch aktiven jüdischen Ärzte im gesamten Reichsgebiet 1937 auf rund die Hälfte, also ca. 4.000, zurückgegangen, 1938 liegt die Zahl bei ca. 3000.

Dass es sich bei der Auswanderung der jüdischen Ärzte nicht um eine freiwillige Emigration, sondern um eine erzwungene Flucht handelt, läßt sich auch daran ablesen, dass die nationalsozialistischen Finanzgesetze zu einer systematisch betriebenen Verarmung der „sog. Auswanderer” führen.

Bevor sie Deutschland verlassen, haben sie mindestens folgende Abgaben zu leisten:

1) Reichsfluchtsteuer (ca. 25 % des gesamten Vermögens)

2) Dego-Abgabe (Abgabe an die Deutsche Golddiskontbank)

3) Judenvermögensabgabe.

Sofern dies als nicht ausreichend erscheint, kann laut dem Reichsbürgergesetz das gesamte Vermögen jederzeit beschlagnahmt und zwangsversteigert werden.

Zum 30. September 1938 entziehen die Nationalsozialisten ausnahmslos allen jüdischen Ärzten die Approbation. Von diesem Moment an sind sie nur noch als sog. Krankenbehandler ausschließlich für jüdische Patienten zugelassen.

Ende 1938 verbleiben noch ca. 400 von ca. 8.000 jüdischen Ärzten, die mit einer Sondergenehmigung als Krankenbehandler jüdische Patienten ärztlich versorgen dürfen.

Die Quälereien endeten jedoch nicht nach der Reichs-Pogromnacht, bereits in den folgenden Tagen wurde Jagd auf Ärzte gemacht. So wurden z.B. in Leipzig alle jüdischen Ärzte des israelitischen Krankenhaus verhaftet und in verschiedene KZs deportiert. Einige begingen dort Suizid, andere überlebten und wurden nach einigen Wochen wieder entlassen, weil sie „bereit” waren, auszuwandern.

Dies ist natürlich ein Euphemismus: Auswanderung ist das Ergebnis einer Entscheidung, eine Willensentscheidung, hier ging es ums nackte Überleben.

Den NS-Schergen war die Rolle von jüdischen Ärzten in der jüdischen Gemeinschaft bewußt und verhafteten z.B. in Berlin massenhaft Ärzte, um so den jüdischen Kranken die medizinische Hilfe zu entziehen.

Von 276 jüdischen Ärzten in Frankfurt am Main, gelang es insgesamt 157 Ärzten auszuwandern.

In der Zeit von 1939 bis 1941, kommt es zu Wellen von Deportationen, deren primäres Ziel anfangs noch nicht gänzlich auf Ausrottung und Vernichtung der Juden aus war. Es geht weiterhin darum Druck auszuüben, um damit die Menschen zum Verlassen des Landes zu zwingen. Geld ist immer noch wichtiger als die Materie Mensch, wer umgehend auswandert, unter Aufgabe seines Vermögens, kann meist noch dem Terror eines Konzentrationslagers entkommen.

Am 19. Oktober 1941 wird dann ein generelles Auswanderungsverbot erlassen, die Tötungsmaschinerie beginnt.

Nunmehr werden innerhalb eines Jahres fast alle noch in Deutschland verbliebenen Juden deportiert und im Verlauf ermordet. Dies betrifft ab 1943 auch in Mischehen lebende jüdische Partner, die dann in Auschwitz ermordet werden.

Zunehmend werden immer mehr jüdische Ärzte in die Vernichtungslager deportiert, im KZ Theresienstadt sollen teilweise 600-1000 jüdische Ärztinnen und Ärzte interniert gewesen sein. Sie behandeln weiter mit dem wenigen, was Ihnen, wenn überhaupt verbleibt, denn im Lager gibt es keine medizinische Versorgung, zumindest nicht von den SS-Ärzten. Wer von SS-Ärzten „versorgt” wird, ist danach tot.

KZ-Häftlingsärzte zählen zu den sog. Funktionshäftlingen, die die SS als Gehilfen beschäftigen. Ihre ärztliche Tätigkeit im Lager wird dazu mißbraucht, die erkrankten Häftlinge für eine weitere wirtschaftliche Ausbeutung wiederherzustellen, weil sonst diese zur Ermordung selektiert werden. Auch hieran müssen die Ärzte mitarbeiten. Viele scheitern an diesem moralischen Dilemma und begehen Suizid.

Untrennbar mit ihrer Arbeit verbunden, ist die Selektion und Ermordung von Kranken, deren Arbeitsfähigkeit die SS für nicht wiederherstellbar hält. In den dortigen Krankenrevieren finden auch die zahlreichen medizinischen Verbrechen statt.

Eine der erschütternsten Beschreibungen der Grausamkeiten liegen uns von Dr. Nyiszli vor, die dieser bereits 1947 unter dem Titel „Im Jenseits der Menschlichkeit”, veröffentlicht. Miklos Nyiszli praktiziert als Gerichtsmediziner und Allgemeinarzt. Ende Mai 1944 wird er mit seiner Frau und 15-jährigen Tochter in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und einen Tag nach seiner Ankunft im IG-Farben werksnahen Konzentrationslager Monowitz zu schwerer Zwangsarbeit herangezogen.

Ende Juni 1944 wird er als Arzt in den Häftlingskrankenbau nach Auschwitz-Birkenau überstellt und eine Woche darauf als Pathologe des ersten Lagerarztes Dr. Josef Mengele in den neu-eingerichteten Sektionsraum von Krematorium I eingewiesen.

Nyiszli wird im Nebenlager Ebensee am 5. Mai 1945 aus der Gefangenschaft befreit. In seinem Nachwort schreibt er: „Meine Augen begleiten 2 Millionen Menschen bis zur Gaskammer. Ich war Zeuge wie Menschen auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Auf Befehl eines fanatischen sich für ein Genie haltenden wahnwitzigen Arztes öffnete ich Leichen von Hunderten von Opfern. Ich badete die Leichen von Krüppeln und Zwergen in Kaliumchloridlösung und kochte sie in Bottichen, damit die sachgemäß präparierten Skelette in die Museen des Dritten Reiches gelangen konnten als Beweis für die Notwendigkeit der Ausrottung niederer Rassen.

6 Monate nach seiner Befreiung erfährt er, dass Frau und Tochter auch überlebt haben. „Jetzt hat das Leben wieder einen Sinn. Es ist jemand da, für den man leben kann”.

Weder in der Ärzteschaft noch in der deutschen Gesellschaft findet nach 1945 in den darauf folgenden 4-5 Jahrzehnten eine Auseinandersetzung um die nationalsozialistischen Medizinverbrechen statt.

Stattdessen müssen überlebende Ärzte der Shoa fassungslos mit ansehen, wie ehemalige SS-Ärzte zu Ruhm und Ehre kommen und selbst am Holocaust beteiligte berühmte medizinische Institutionen sich einen „Persilschein” ausstellen.

Als Alexander Mitscherlich und Fred Mielke 1947 zum ersten Mal ihr Buch „Diktat der Menschenverachtung” veröffentlichen, ist dies das erste Dokument über die Nürnberger Ärzteprozesse. Von diesem Buch sind 25.000 Exemplare für die Verteilung an deutsche Ärzte vorgesehen, zusätzlich soll auch eine Zusammenfassung in ärztlichen Zeitschriften erfolgen. Zur Verteilung kommt es jedoch nie, denn die Auflage wird komplett von der Westdeutschen Ärztlichen Standesvertretung aufgekauft, um sie für die kommenden Jahre wegzuschließen.

Redaktionsmitglieder der Deutschen Medizinischen Wochenschrift weigern sich, den Bericht in der Standeszeitschrift zu veröffentlichen.

Der erste antisemitische Skandal nach der Entlassung der Westzonen aus dem Besatzungsstatut fand im Sept. 1949 in Offenbach statt.

Der Offenbacher Magistrat hatte Herrn Dr. Lewin in geheimer Abstimmung rechtskräftig zum Chefarzt der Frauenklinik gewählt. Der SPD-Oberbürgermeister Rebholz stellt danach die Frage: „Soll es nun bei diesem Abstimmungsergebnis bleiben? Schließlich müsse man mit den Ressentiments seiner Rasse rechnen. Er würde mit dem Rachegefühl eines KZlers seine Arbeit antreten, man könne die Frauen Offenbachs nicht einem Dr. Lewin anvertrauen.

Die vorher geheime Abstimmung wird als „vorläufig” erklärt, Lewin wird nunmehr abgewählt. Nachdem sich die Abteilung für politische Affären beim US-Landeskommissar für Hessen einschalten, leiden plötzlich alle an erheblichen Gedächtnislücken. Es dauert fast noch 1 Jahr, bis Dr. Herbert Lewin Chefarzt an der Städtischen Frauenklinik in Offenbach wurde, wo er 1965 emeritierte und erst dann zum ordentlichen Professor ernannt wurde. (Moi)

Anders dagegen bei ehemaligen SS-Ärzten. Viele dieser Ärzte führen ihre Praxen bis in die Neunzigerjahre weiter oder setzen ihre Karriere ungebrochen fort.

Ernst Klee schreibt in seinem Buch „Deutsche Medizin im Dritten Reich” 2001:

Statt eines Vorworts: Auschwitz ein Ernährungsparadies. Darauf muß einer kommen. Einer schaffte dies, Prof. Dr. Heinrich Kraut vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund ab 1937 im Ausschuß für Gesundheitspflege und Ernährung der Bergarbeiter, ab 1937 NSDAP-Mitglied.

In den Nürnberger Prozessen wird Heinrich Kraut als Gutachter für die Verteidigung sowohl im Flick und Krupp Prozeß und später auch über die Beschäftigung von Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz als Zwangsarbeiter durch die I.G. Farben (über die es im Auschwitz-Monowitz Prozeß in den Nürnberger Prozeßunterlagen hieß: „in Monowitz werden KZ-Häftlinge eingewechselt, verbraucht, vernichtet”) u.a. aussagen, dass nach seiner Berechnung das Essen von KZ-Häftlingen deutlich mehr Kalorien als die eines normalen deutschen Arbeiters gehabt hätte. Nach seinen Phantasieberechnungen entfielen auf einen „Arbeitstag” 3080 Kalorien, wo doch nur ein Bedarf von 2100 Kalorien bestehen würde, also eine eindeutige Überernährung.

In Wirklichkeit bekamen die Häftlinge täglich einen dreiviertel Liter „Buna-Suppe” und Abends einen Wasser-Eintopf und eine Brotration. In der Suppe waren, wenn überhaupt, verkochtes tuberkulöses oder vom Tierarzt verworfenes Fleisch.

Kraut wird 1951 Honorarprofessor in München, 1956 ist er Gründungsdirektor des eigenständigen Max-Planck Instituts in Ernährungsphysiologie und wird Präsident der deutschen Gesellschaft für Ernährung, 1963 ihr Ehrenpräsident. Von 1968 bis 1973 ist er Präsident, später Ehrenpräsident der von ihm mitbegründeten Deutschen Welthungerhilfe. 1973 erhält er das große Bundesverdienstkreuz mit dem Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik. Im gleichen Jahr stiftet die Deutsche Welthungerhilfe den Professor Heinrich Kraut Preis für Entwicklungshelfer. 1992 verstirbt er im Alter von 99 Jahren. Im Ulmer Deutschen Brotmuseum gibt es das Heinrich-Kraut Archiv für Welternährung.

Ausschwitz-Monowitz hatte im Übrigen eine verbindliche Währung. Wer sich eine Goldkrone herausreißen ließ, bekam als Gegenwert eine Brotration.

Der Historiker Ernst Klee bemerkt in seiner Veröffentlichung, dass ihm bei seinen Recherchen kein NS-Täter begegnet sei, „der Schuld bekannt hätte”. Nahezu alle waren sie zumindest „innerlich” Gegner der Nazis, hatten niemals Rassenhygiene gefordert oder Menschenversuche befürwortet und sind ihren humanitären Pflichten als Mediziner oder Wissenschaftler stets nachgekommen. Und das versicherte man sich gegenseitig.

Mengeles Chef, Othmar Freiherr von Verschuer, leitete seit 1942 das Kaiser-Wilhelm-Institut (später Max-Planck-Institut) für Menschliche Erblehre in Berlin. Er sorgte für Mengeles Anstellung in Auschwitz, Mengele hatte ihm regelmäßig Blutproben, Augenpaare und andere Körperteile von Häftlingen geschickt. Bereits 1946 wurde er als Mitläufer entnazifiziert und schrieb im gleichen Jahr über Mengele:

„Ein Assistent meines früheren Frankfurter Instituts wurde gegen seinen Willen als Arzt an das Lazarett des Konzentrationslagers Auschwitz kommandiert. Von seiner Arbeit ist uns nur bekannt, dass er sich bemüht hat, den Kranken ein Arzt und Helfer zu sein”.

Noch 1944 liest sich dies aber ganz anders. Da berichtete Verschuer der Deutschen Forschungsgemeinschaft: „Als Mitarbeiter in diesem Forschungszweig ist mein Assistent Dr. Mengele eingetreten. Er ist als Hauptsturmführer und Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz eingesetzt. Mit Genehmigung des Reichsführers SS werden anthropologische Untersuchungen an den verschiedensten Rassengruppen dieses Konzentrationslagers durchgeführt.“

1951 wurde Verschuer Professor für Genetik in Münster, 1952 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie und 1954 Dekan der Medizinischen Fakultät.

Ganz anders erging es dem jungen deutschen Arzt Hartmut Hanauske-Abel. Als er in der ärztlichen Fachzeitschrift „The Lancet” 1986 Material über die Vergangenheit der deutschen Ärzte veröffentlichte, wurde er dafür vom höchsten deutschen Ärztefunktionär Karsten Vilmar persönlich angegriffen und verlor seine Arbeitsstelle.

Drei Präsidenten der Bundesärztekammer nach 1945 waren Mitglieder in der SA oder SS gewesen.

1993 wollte sich einer von ihnen, Hans Joachim Sewering, zum Präsident des Weltärztebundes wählen lassen. Erst der Protest aus dem Ausland! verhinderte jedoch seine Wahl.

Mit über fünfzig Jahren Abstand scheint die Vergangenheit offenbar weit genug entfernt, die alten Eliten haben sich überwiegend verabschiedet, und so nahmen sich nun auch die großen Institutionen der Thematik in diversen Publikationen an. Die Objektivität läßt allerdings noch zu wünschen übrig:

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (genannt DFG) hatte auch nach 1945 keine Schwierigkeiten mit der weiteren Finanzierung von verurteilten Verbrechern:

Eugen Haagen, 1943 Leiter des Hygieneinstituts der Reichsuniversität Straßburg, führte im KZ Natzweiler Fleckfieberversuche an Häftlingen durch. Haagen wurde in Lyon 1954 zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Die Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung erreichte jedoch, dass er bereits einige Monate später wieder frei war u.a. mit der Begründung „er sei ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft!!”. Von der DFG wurde seine Virusforschung weiterhin gefördert.

Die kompletten Personalaktenbestände der Straßburger Reichsuniversität, deren Forscher unter anderem mit dem KZ Natzweiler kooperierten, wurden 1962 vom Bundesarchiv an das Bundesverwaltungsamt übergeben. Seit 1984 gelten alle 238 Akten als „verloren”.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ließ ihre Vergangenheit gleich dreimal darstellen, 1968 in der Veröffentlichung „Forschungsförderung in drei Epochen“, die von Medizinhistorikern als „Verharmlosungsopus“ bezeichnet wird und erneut 1999, in der Auftragsarbeit „Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich” durch den Historiker Notker Hammerstein.

Auch diese Publikation versuchte vor allem, die Beteiligung und Verantwortlichkeit der DFG an rassenhygienischen und menschenverachtenden Forschungen zu minimieren. Internierung, Zwangssterilisierung und Vernichtung wurden zu „Fürsorge und Vorsorgepflicht der öffentlichen Hand für Geschädigte”, verharmlost.

Die Kaiser-Wilhelm Gesellschaft selbst wurde nach 1945 von der Max-Planck-Gesellschaft übernommen (Auflösung 1969).

Max Planck persönlich schrieb als Präsident des Kaiser-Wilhelm-Instituts bereits 1933 an Innenminister Frick: „Dem Herrn Reichsminister des Innern beehre ich mich ergebenst mitzuteilen, dass die Kaiser-Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gewillt ist, sich systematisch in den Dienst des Reiches hinsichtlich der rassenhygienischen Forschung zu stellen”. Ernst Rüdin, der Nazipsychiater dem selbst die Schweiz 1945 das Bürgerrecht entzieht, ein Arzt der in seinem Rassenwahn Menschen wissenschaftlich der Vernichtung zugeführt hat, wird vom Max-Planck reingewaschen.

Der mehrfach international ausgezeichnete Genetiker Benno Müller-Hill, schreibt zu einer seiner Untersuchungen für die er bereits im Vorfeld mit mehreren Klagen bedroht wurde:

„Als ich 1981 nach den DFG-Akten suchte, wurde ich von DFG- Mitarbeitern belehrt, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Dritten Reich nicht DFG hieß, und dass mir der Zugang zu den Akten verwehrt sei: DFG-Akten seien prinzipiell nicht einsehbar”.

Der Nachlaß etwa von Adolf Butenandt, ehemaliges NSDAP-Mitglied und als Biochemie-Experte von seinem Vertrauten Verschuer für die Auschwitz-Forschung konsultiert, ist für sog. „normale Benutzer” noch bis zum Jahre 2025 gesperrt. Butenandt wird schnell entnazifiziert, 1953 nimmt er am ersten Bundesgesundheitsrat teil. 1960 wird er Präsident, 1972 Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft. Drei Jahre später wird Butenandt Ehrenbürger der Stadt München.

Von den 82 Wissenschaftlern, die seit 1933 aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verjagt wurden, finden gerade zwei zu der Max-Planck-Gesellschaft zurück.

Erst 2001 beauftragt die Deutsche Forschungsgemeinschaft endlich eine unabhängige Forschergruppe zur „Geschichte der Deutschen  Forschungsgemeinschaft 1920–1970”, die nach siebenjähriger Arbeit im Januar 2008 vorgestellt wurde. Hier wurden erstmalig die tatsächlichen Verstrickungen und Mitbeteiligungen beim Namen genannt.

Dass heute dennoch über viele Forschungen und Zusammenhänge berichtet wurde, und nicht die dreizehn in Nürnberg verurteilten Mittäter zu sadistischen Alleintätern stilisiert wurden, ist vor allem einzelnen Historikern wie Ernst Klee und Robert Jay Lifton zu verdanken. Entgegen dem „Mainstream” beschrieb Lifton in „Ärzte im Dritten Reich” nicht die grausame Singularität einzelner mordender Ärzte, sondern das großflächige Übergehen zahlreicher Ärzte vom Heilen zum Töten.

Spät begann die Aufarbeitung in der deutschen Ärzteschaft wobei diese bis heute immer noch nicht abgeschlossen ist. Die hessische Landesärztekammer war Vorläufer und beauftragte Ende der 80’er eine Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.

Noch immer gibt es 76 Jahre nach der Reichspogromnacht Landesärztekammern, die die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit regelrecht verhindern und man findet immer wieder Gründe um eine solche Untersuchung nicht zu beginnen.

Es gibt aber auch positive Unterstützung. Seit 2006 vergibt die Bundesärztekammer zusammen mit dem Bundesministerium für Gesundheit und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung einen Forschungspreis, der sich mit der Rolle von Ärzten im Dritten Reich beschäftigt.

Auch einige der medizinischen Gesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde, die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, die Opthalmologen u.a. haben in den letzten Jahren ehrliche wissenschaftliche Untersuchungen durchführen lassen. Dem folgten auch medizinische Fakultäten u.a Freiburg, Marburg, Bonn und Gießen.

„Wer ein Haus baut, will bleiben und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit“ hat mein Freund und langjähriger Vorstandkollege Prof. Dr. Salomon Korn 1986 anläßlich der Eröffnung des Jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt gesagt.

Wir fühlen uns angekommen. Dennoch bleibt unser Haus selbst 76 Jahre nach der Reichspogromnacht noch ein fragiles Gebäude, unser Leben hier ein fragiles Gebilde.

Ereignisse der letzten Monate sowohl in Frankfurt als auch in vielen deutschen Großstädten haben uns mehr als erschreckt, weil wir uns in unserer scheinbaren Geborgenheit plötzlich der längst geglaubten Realität, der Fratze des Antisemitismus, gegenüber standen. „Juden ins Gas” wurde gerufen, eine Melodie, die wir alle nur zu gut kannten, wenn auch nur aus den Erzählungen unserer Eltern. Dazu gehören aber auch sog. „Schimpfworte” in unseren Schulen wie „Scheißjude”, die sich schon lange nicht mehr unter Singulärereignisse katalogisieren lassen.

Judentum in Deutschland hat aber eine Zukunft. Wir haben viel Zuspruch bekommen, die Politik hat sich eindeutig und unmißverständlich positioniert, auch die Kirchen und die Presse haben sich sofort engagiert. Ein wenig mehr Empathie von Seiten der Gesellschaft hätte uns wirklich gut getan.

Wer unsere Loyalität zu Israel nicht versteht oder mißdeutet, der hat in Wirklichkeit unsere Ängste und Unsicherheit, (die eben aus der Shoa resultieren) nicht verstanden. Israel ist für alle Diaspora Juden so etwas wie eine psychische, aber auch durchaus reale Bürgschaft fürs Überleben.

Dies hindert uns nicht, uns dem Land gegenüber in dem wir leben, ebenso loyal zu verhalten. Gerade in diesen unsicheren Zeiten, wäre Verständnis für diese, unsere Empfindsamkeit von hohem Wert.

„Nie wieder” geht leicht von den Lippen, aber „nie wieder” hat eine Geschichte, auf die man noch in 100 Jahren „Rücksicht” wird nehmen müssen.

Ich jedenfalls möchte nicht auf diese Möglichkeit zurückgreifen müssen, die die Juden am 9. November 1938 nicht hatten und diejenigen, die es mal wieder versuchen wollen, werden hoffentlich an der Demokratie dieses Landes scheitern.

Wir sind hier, wir haben gebaut, wir wollen bleiben und wir werden bleiben.

 

Prof. Dr. Latasch ist Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

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