PALÄSTINENSISCHE FLÜCHTLINGE – Existenz in der ewigen Warteschleife

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PALÄSTINENSISCHE FLÜCHTLINGE

Existenz in der ewigen Warteschleife

 Von Henryk M. Broder 
Aus SPIEGEL ONLINE

Den Palästinensern ist Unrecht geschehen: Hunderttausende mussten 1948 ihre Heimat verlassen. Das ist – wie jede Vertreibung – beklagenswert. Aber Realität. Trotzdem gelten die Palästinenser bis heute als „Flüchtlinge“ – was ihre Illusion nährt, der Status quo ante ließe sich wieder herstellen.

Berlin – Von den europäischen Medien unbemerkt oder absichtsvoll übersehen, demonstrierten am letzten Samstag in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen Tausende von Palästinensern für ihr „Recht auf Rückkehr“ nach Palästina, das Land, das sie 1948 verlassen mussten.

Die Demo, die in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfand, wurde von einem europäischen Komitee organisiert, das sich „The Palestine Right to Return Coalition“ nennt. Scheich Raed Salah, israelischer Staatsbürger, Kopf der „Islamischen Bewegung Nord“ und ehemaliger Bürgermeister der israelisch-palästinensischen Stadt Umm-al-Fachem, rief die aus ganz Europa angereisten Teilnehmer der Demo auf, nach Palästina zurückzukehren. „Eure Häuser warten auf euch, die Moscheen und die Kirchen ebenso, sie symbolisieren eure Wurzeln und eure Identität, die Geschichte und die Kultur – sie sind unsere Zukunft!“

Später nahm Scheich Raed Salah an einem Gebet in einer Kopenhagener Moschee teil, wo er auch die Predigt hielt. „Jerusalem ruft euch. Ihr sollt die Stadt vor der Judaisierung retten!“ Dann flog der Scheich zurück nach „Palästina“, in sein Haus in Umm-al-Fachem, mitten in Israel.

Glaubt man einem Flugblatt, das Ende März auf der Homepage der „Freunde Palästinas“ ins Netz gestellt wurde, sind die Vorbereitungen für die Rückkehr bereits weit gediehen. Das palästinensische Volk habe beschlossen, „die Uno-Resolution 194 in die Tat umzusetzen“ und „unter dem blauen Banner der Uno“ in das Land zurückzukehren, „von dem sie gewaltsam vertrieben wurden“. Nichts und niemand werde sie aufhalten. „Weder die Juden noch die internationale Gemeinschaft können gegen diese Entscheidung der Palästinenser sein …“

Von Israelis ist in diesem Zusammenhang keine Rede, obwohl die praktischen Probleme bei der Heimkehr durchaus richtig eingeschätzt werden: „Alle Rückkehrer tragen ihre Zelte und anderes Eigentum mit, weil ihre Häuser meistens zerstört wurden und sie deswegen in Zelten wohnen müssen …“

Rückkehr heißt: zurück in die Zeit, als es Israel nicht gab

Auf welchen Wegen und mit welchen Verkehrsmitteln die Rückkehrer kommen, wie sie die israelischen Grenzkontrollen überwinden möchten, darüber sagt das Flugblatt nichts. Ganz am Ende werden die „verehrten Führer und Könige der arabischen Welt“ gebeten, „mit logistischer Hilfe unserem Volk für seine Rückkehr in die Heimat, ins Heilige Land, beizustehen“.

Wer die Palästinenser und deren Neigung zu theatralischen Auftritten kennt, die von Jassir Arafat vorbildlich verkörpert wurde, könnte dazu neigen, die ganze Aktion für einen PR-Gag zu halten, um den Israelis einen Schrecken einzujagen und ihnen die Feiern zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit zu vermiesen.

Wahrscheinlich aber ist es schlimmer. Man muss fürchten, die Palästinenser meinen es ernst. Denn das „Recht auf Rückkehr“ ist für sie nicht nur heilig, es ist auch unverhandelbar. Und man muss sich in die Lage der Palästinenser versetzen, um zu begreifen, warum das so ist, warum sie nicht nur nach Palästina, sondern auch zum Status quo ante zurück möchten, die Zeit, als es noch kein Israel gab.

Es steht außer Frage, dass den Palästinensern Unrecht geschehen ist, dass sie für Verbrechen büßen, die sie nicht begangen haben, nämlich die Endlösung der Judenfrage in Europa. Ginge es in der Welt und in der Geschichte gerecht zu, hätte der Judenstaat auf den Ruinen des Dritten Reichs, in Bayern, in Schleswig-Holstein oder in der Ostmark errichtet werden müssen und nicht am östlichen Ende des Mittelmeers. Aber Gerechtigkeit ist ein seltenes Gut, und man kann ein langes Leben damit verbringen, sie einzufordern, statt sich mit der Wirklichkeit auf faule Kompromisse einzulassen.

Die Uno hat den Status der „Flüchtlinge“ zementiert

Ebenso steht außer Frage, dass die Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben wurden, egal ob sie „freiwillig“ gingen, um den Kämpfen aus dem Weg zu gehen, oder ob sie von der jüdischen „Selbstwehr“ mit Gewalt dazu gebracht wurden, ihre Dörfer zu verlassen. Es war Krieg, und im Krieg gibt es keine Entscheidungen auf der Basis des freien Willens.

So weit ist den Palästinensern zwar Unrecht geschehen, aber nichts Ungewöhnliches, gar Einmaliges. Millionen von Deutschen, die keine Nazis waren, sind aus ihrer Heimat vertrieben worden, und bei der Teilung des indischen Subkontinents kam es zu einer Völkerwanderung in alle Richtungen – um nur zwei zeitnahe Beispiele zu nennen.

Das Einmalige im Falle der Palästinenser liegt woanders. Für sie wurde 1950 eine spezielle Organisation ins Leben gerufen, die UNRWA, während für das Schicksal aller anderen Flüchtlinge der Uno High Commissioner for Refugees zuständig ist. Die Palästinenser werden seit fast 60 Jahren bevorzugt als Flüchtlinge behandelt, inzwischen träumt die vierte Palästinensergeneration den Traum, eines Tages in ihre alte Heimat zurückkehren können.

Niemand weiß, wie viel die UNRWA im Laufe der Jahrzehnte ausgegeben hat, um den Status der Palästinenser als Flüchtlinge zu zementieren. Es müssen zahllose Milliarden gewesen sein, die genauso im Sand versickert sind wie die Mittel der EU für den Aufbau einer palästinensischen Verwaltung in den Autonomiegebieten. Man weiß nur, dass die UNRWA inzwischen mehr als 28.000 Mitarbeiter beschäftigt und der größte Arbeitgeber in der Krisenregion ist. Um als Institution zu überleben, ist UNRWA mehr auf die Flüchtlinge angewiesen als die Flüchtlinge auf die UNRWA.

Damit das Interesse der Welt nicht nachlässt, werden Krisen inszeniert

Es gehört auch eine gewisse Frivolität dazu, nach 60 Jahren noch immer von Flüchtlingen zu sprechen. Das bedeutet nicht nur, dass der Status vererbt wird, sondern auch, dass er gar nicht aufgehoben werden kann, es sei denn, durch die Wiederherstellung des Status quo ante. Auch das ein in der Geschichte einmaliger Fall. Würde man das gleiche Recht allen Flüchtlingen einräumen, hätten alle Umzugsfirmen der Welt bis zum Jüngsten Tag Hochkonjunktur.

Allerdings kann man von den Palästinensern nicht erwarten, dass sie ihre eigene Situation selbstkritisch beurteilen. Wer 60 Jahre in einem Asyl darauf wartet, in sein altes Haus zurückkehren zu können, hat sich zum einen an das Leben in dem Asyl gewöhnt und zum anderen zu viel Leid und Schmerz „investiert“, um wieder bei Null anzufangen.

Man kann die Situation der Palästinenser mit der eines Call-Center-Kunden vergleichen. Hat er eine oder zwei Minuten in der Schleife gewartet, legt er auf und wählt neu. Hat er sich zehn oder fünfzehn oder zwanzig Minuten den Satz „Ihr Anruf ist uns wichtig“ angehört, bleibt er in der Leitung und wartet, endlich erlöst zu werden.

Das bedeutet: Je länger die Palästinenser darauf warten, dass ihr Traum von einer Rückkehr wahr wird, umso mehr sind sie bereit, noch länger zu warten. Alles andere wäre Verrat am eigenen Leben.

Damit das Interesse der Welt, die sich gelegentlich auch mit der Lage in Darfur und in Tibet beschäftigen möchte, nicht nachlässt, werden in unregelmäßigen Abständen Krisen inszeniert, wie die Machtübernahme der Hamas in Gaza, was dazu führt, dass die Karten neu gemischt werden. Vor Oslo, also Anfang der neunziger Jahre, war die PLO „the sole representative of the Palestinian people“, mit der verhandeln musste, wer den Konflikt lösen wollte. Es wird zehn bis 15 Jahre dauern, bis die Hamas so weit sein wird, wie die PLO heute ist: bedingt gesprächsbereit. Und dann wird irgendeine andere, noch radikalere Gruppe kommen, die Hamas wegputschen – und das Spiel wird wieder neu angepfiffen.

Die These vom „Völkermord“ an den Palästinensern

Zur palästinensischen PR, die vor allem in Europa gerne gehört wird, gehört die Behauptung, die Israelis würden den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben. Der Tatbestand des „Völkermords“ kommt heute nicht einem kollektiven Todesurteil, sondern einem nationalen Ritterschlag gleich. Wenn die Palästinenser aber tatsächlich Opfer eines „Genozids“ würden, wie sie und ihre Freunde es gerne behaupten, dann dürfte es sich um den ersten Völkermord in der Geschichte der Menschheit handeln, dessen Zielgruppe sich im Laufe der Zeit mindestens verfünffacht hat.

Es gibt zwei Punkte, die in der Debatte so gut wie nicht vorkommen. Die Zahl der Palästinenser, die nach 1948 aus dem jüdischen Teil Palästinas vertrieben wurden, wird auf 600.000 bis 800.000 geschätzt. Die Palästinenser selbst sprechen gerne von „Millionen“ und meinen damit die Kinder, Enkel und Urenkel der Vertriebenen, die heute in der Fremde leben, und wenn es ein „Lager“ mitten in Ramallah ist.

Israel hat nach 1948 etwa dieselbe Anzahl Juden aus arabischen bzw. moslemischen Ländern aufgenommen, Flüchtlinge, die unter gleichen Umständen ihre Heimat verlassen mussten wie die Palästinenser, also überwiegend unfreiwillig. Man könnte also von einem Bevölkerungstausch sprechen, jedenfalls müsste man die Verluste sowohl der einen wie der anderen Seite berücksichtigen.

Dass dies nicht geschieht, kommt auch daher, dass die Juden, die aus arabischen Ländern nach Israel gekommen sind, sich nicht als „Flüchtlinge“ betrachten. Täten sie es, würde man sie auslachen. Aber sie fahren gerne in ihre alten Heimaten zurück, nach Ägypten, Marokko, Tunesien. Und die Nachkommen der „Iraker“ träumen schon davon, bald auch nach Bagdad fahren zu können. Aber nur zu Besuch, versteht sich.

Die alte Heimat liegt in Sichtweite

Der zweite Punkt, der nicht einmal angedacht wird, ist noch heikler. Das Problem der Palästinenser ist nicht, dass sie vertrieben wurden, sondern dass sie nicht weit genug vertrieben wurden. Viele von ihnen leben in „Lagern“ und können mit bloßem Auge dahin schauen, wo ihre Eltern und Großeltern mal gelebt haben. Die räumliche Nähe suggeriert die Möglichkeit einer Rückkehr, die es in der Realität nicht gibt. Von Ramallah nach Ramle ist es eine halbe Autostunde, von Beth Lehem nach Beth Shemesh noch weniger.

Und nun wollen Palästinenser unter dem blauen Banner der Uno in das Land zurückkehren, aus dem sie gewaltsam vertrieben wurden – symbolträchtig am 14. Mai, dem 60. Jahrestag der Gründung Israels.

Dabei haben sie sich, wieder einmal, ein wenig vertan. Zwar wurde Israel tatsächlich am 14. Mai 1948 ausgerufen, dem 5. Tag des Monats Ijar, weil aber der jüdische und der christliche Kalender nicht ganz parallel laufen, wird in diesem Jahr schon am 8. Mai gefeiert.

Am 14. Mai, wenn die Palästinensern mit ihren Zelten anrücken, ist die Party schon lange vorbei.

 

 

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