Eine ziemlich untypische Mischung

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Jerusalem, 13. Mai 2010 – Korey Bronson sitzt in frisch gebügelter Uniform auf einer Holzbank in der Bet-Vagan Jugendherberge in Jerusalem und wartet auf den Marschbefehl zum Präsidentenpalais. Er ist einer von 120 Soldaten, die für ihre Verdienste von Staatspräsident Schimon Peres ausgezeichnet werden sollen.
Auf dem Rasen vor der Jugendherberge liegen Berge von Rucksäcken. Junge Soldaten und Soldatinnen in Ausgehuniform plaudern, flirten oder dösen. Sie sollen an Paraden teilnehmen. Zu dem Interview mit Bronson hatten sich zwei Vertreter des Militärsprechers hinzugesellt. Sie sollen aufpassen, dass Bronson keine Militärgeheimnisse ausplaudert. Dabei wollten wir nur seine persönliche Familiengeschichte erfahren. Eine Zeitung hatte gemeldet, dass er schon Christ und Moslem war, ehe er seine jüdischen Wurzeln entdeckte und nach Israel auswanderte um Offizier zu werden.
„Ich erinnere mich noch genau an meinen Vater. Der war ein Supermann“, erzählt der im amerikanischen Philadelphia 1989 geborene Soldat mit der kaffeebraunen Hautfarbe. „Mit der Sauerstoffflasche in der einen Hand und dem Besen in der anderen, putzte er unser Haus“, erinnert sich Bronson. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater, ein Christ, an Krebs. „Wegen Krebs, konnte er keine Kinder zeugen“, erklärt Bronson. Sein „biologischer Vater“ sei ein indischer Arzt, den er nicht kenne. „Ich wuchs in einer typisch christlichen Familie auf. Am Sonntag gingen wir in die Kirche. Vor dem Essen sprachen wir ein Gebet.“
Er war elf, als seine Mutter, von Beruf  Gefängniswärterin,  einen Jugendfreund traf. Der war Moslem. Sie heirateten, woraufhin die ganze Familie zum Islam konvertierte, sein Bruder, ebenso durch einen indischen Spender künstlich gezeugt und seine Adoptivschwester. Der Stiefvater bestand darauf, alles „extrem richtig“ zu machen. Fortan gab es kein Schweinefleisch mehr. Fünfmal täglich wurde in der Moschee gebetet und selbstverständlich fasteten sie im Ramadan. „Ich lernte so auch Arabisch“, lacht der heutige Panzerfahrer und rezitiert vergnügt ein muslimisches Gebet auf Arabisch.
Von seiner Oma hatte er gelernt, dass es nur einen Gott gebe. „Jeder muss seinen richtigen Weg finden“, lehrte sie ihn. Als Junge interessierte er sich für Hinduismus. In dieser Zeit ließ er sich das koreanische Yin-Yen Symbol und den Namen seines verstorbenen Vaters, Kipy, auf den Unterarm tätowieren.
Eines Tages kam Onkel Jehiel Heiman, ein Bruder seiner Mutter, zu Besuch.
Der war eigentümlich gekleidet. „Warum trägst Du einen schwarzen Hut?“ fragte Bronson seinen Onkel. „Weil heute Sabbat ist und ich zum Gottesdienst gehen will.“
Bronson kapierte plötzlich, dass seine im Waisenhaus aufgewachsene Großmutter Jüdin war, deshalb auch seine Mutter und ebenso er selber.
Bronson: „Als ich Moslem wurde, verstand ich nicht die echten Unterschiede.
Ich ging in die Moschee, in die Synagoge mit meinem Onkel und aus Gewohnheit am Sonntag in die Kirche.“ Das Durcheinander machte Bronson neugierig. Er studierte Religionen, konnte sich aber nicht mit ihnen identifizieren. „Es gibt Gott. Man muss ihn nur suchen. Meine Mutter hatte ihre jüdische Identität versteckt, weil sie das für irrelevant hielt“, erzählt Bronson.
Bronson zog zu seinem Onkel für drei Monate. Daraus wurden drei Jahre. Und schließlich beschloß der tief ins Judentum eingewiesene Bronson, sein Seelenheil in Israel zu suchen. In Maalot Tarschicha im Norden Israels besucht er eine „Jeshiva“, eine fromme jüdische Religionsschule. „Das ist heute meine Familie“, sagt Bronson. „Dahin gehe ich, wenn ich Urlaub vom Militärdienst habe.“ Wieso er keine Kipa auf dem Kopf trage, wie bei frommen Juden üblich? „Oh, danke. Ich hatte sie während der Busfahrt nach Jerusalem abgenommen, damit sie nicht wegfliegt, und vergessen, sie wieder aufzusetzen.“ Flink zieht er eine runde gestickte Kipa aus der Tasche und legte sie auf sein kahlgeschorenes Haupt. Mindestens einmal in der Woche telefoniert er mit seiner Mutter und hält auch guten Kontakt zu seinem Stiefvater. „Die Moslems in den USA halten sich von extremistischen Islamisten und von der Politik fern“, erklärt Bronson. „Sie sind schließlich in die USA gekommen, um das Leben zu genießen.“
Bronson dient zwar in der israelischen Armee, aber Staatsbürger sei er noch nicht. „Die Behörden wollen da noch etwas prüfen“, erklärt Bronson. Er will Offizier werden und schwärmt vom verstorbenen Ministerpräsidenten Menachem Begin. „Der sagte mal, dass eine Armee dazu diene, ein Volk zu verteidigen und ihm die Identität zu geben, jenseits von Politik.“ Bronson erzählt begeistert von seinem Militärdienst als Panzerfahrer: „Da sitze ich zusammen mit einem Perser und einem Marokkaner, der eine ist ein frommer Jude, der andere ein weltlicher, und dann sitzt bei uns noch ein muslimischer Beduine.
Jeder muss dem Anderen voll trauen, denn jeder von uns gibt sein Leben dem anderen in die Hand.“ Schon als Kind habe er gelernt, selbstständig zu sein.
Die Auszeichnung des Staatspräsidenten mitsamt einem Stipendium bekomme er wegen „Führungsqualitäten“. Schließlich fragen wir ihn, was er heute über seine christliche und muslimische Vergangenheit denkt. „An Kirche und Moschee habe ich nur noch viele gute Erinnerungen, aber keine Sehnsucht.“

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