ULRICH W. SAHM – Was bedeutet „Sieg“ im Nahostkonflikt

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Sahm07Jerusalem, 9. Juli 2014 – Krieg, Sieg und Niederlage sind im europäischen Sprachgebrauch immer noch geprägt vom Zweiten Weltkrieg: Es ging um Konflikte zwischen Nationen. Ein Sieg wurde in Quadratkilometern, Zahl der eroberten Länder, getöteten Feinden und der Menge zerstörten Kriegsgeräts und abgeschossenen Flugzeugen gemessen.

„ Krieg“ führen auch die Rebellen in Syrien und die ISIS im Irak.  Allerdings sind hier die Grenzen völlig unklar. Bei Millionen Flüchtlingen und 168.000 Toten in Syrien und Irak spielen Menschenleben keine Rolle. Die „Nationalstaaten“ scheinen sich aufzulösen. Eher zählt, welche historischen Städte wie Aleppo, Homs oder Damaskus mitsamt Kulturgütern und Einwohnern gerade zerstört worden sind.

Bei dem Kriegsgeschehen rund um den Gazastreifen gelten wieder andere Regeln. Da werden Israel 25 tote Palästinenser angelastet. In Medienberichten im Ausland wird nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterschieden. Doch unter den 25 Toten waren acht Hamaskämpfer, in einem Terrortunnel von ihrem eigenen Sprengstoff getötet. Fünf Hamastaucher wurden entdeckt und getötet, als sie vom Meer kommend einen Terroranschlag im Kibbuz Zikim oder in einem Militärstützpunkt verüben wollten. Zudem haben die Israelis mehrere Befehlshaber der Hamas-Streitkräfte gezielt getötet. Es fragt sich, ob palästinensische Zivilisten noch als „unschuldig“ gelten, wenn sie als „menschliche Schutzschilde“ auf das Dach des Hauses des Hamasfunktionärs Salah Kaware steigen, obgleich per Telefon und mit Warnschüssen vorgewarnt, dass das Haus zerstört werde.

Diesem zynischen Zahlenspiel als Maßstab für Sieg oder Niederlage müssen 25 tote Palästinenser 464 israelische Luftangriffe seit Beginn der Operation „Beständige Felsklippe“ gegenübergestellt werden. Die Hamas verschweigt ihre zerstörten militärischen Einrichtungen. Laut israelischem Militärsprecher wurden 118 versteckte Raketenstellungen und Waffenlager, 7 Terrortunnel und 3 Schmugglertunnel, 6 Hamas-Einrichtungen und 10 Kommandozentralen getroffen.

Umgekehrt betrachten es radikale Organisationen als „Sieg“, innerhalb weniger Tage über 270 Raketen auf Städte wie Tel Aviv und Jerusalem abgeschossen, 5 Millionen Menschen in Panik versetzt und in die Luftschutzbunker gejagt zu haben. Doch diese Fähigkeit ist kein Garant für einen Sieg, solange es der Hamas nicht gelingt, möglichst viele Israelis zu töten. Während die Israelis Treffer auf Zivilisten vermeiden, hat die Hamas eine entgegengesetzte Absicht. Sonst würde sie ihre Raketen nicht auf Bevölkerungszentren zielen. Die Israelis „siegen“, wenn sie möglichst wenige eigene Verluste erleiden, stecken aber mit jedem toten Palästinenser eine Niederlage ein. Die Hamas „siegt“ je mehr tote Israelis sie verbuchen kann.

„Pech“ für die Hamas ist Israels Fähigkeit, mit dem Abwehrsystem „Eisenkappe“ fast jede Rakete aus dem Gazastreifen abzufangen, die in bewohntem Gebiet niedergehen könnte. Die „ungefährlichen“ Raketen werden durchgelassen und explodieren auf offenem Gelände. Hinzu kommt ein ausgeklügeltes System, die Bevölkerung zu schützen. Neben Luftschutzkellern und „sicheren Räumen“ in fast jeder Wohnung gibt es öffentliche Schutzräume und Vorwarnsysteme mit Sirenen und automatischen Anrufen in gefährdeten Gegenden.

Die erfolgreiche Entführung der Jugendlichen Naftali, Gilad und Eyal wurde auf den Straßen von Ramallah und Gaza als großer Sieg gefeiert. Doch als die drei Entführten tot aufgefunden worden waren, sprach ein Sprecher der Organisation im Gazastreifen von einem „Scheitern“ der Hamas, denn die Entführung hätte nicht für das Freipressen von Häftlingen aus israelischen Gefängnissen genutzt werden können.

Die brutale Ermordung eines palästinensischen Jungen durch jüdisch-israelische Extremisten war dagegen eine israelische „Niederlage“, denn Israel sieht sich in der Pflicht, auch arabische Mitbürger vor Gewalt zu schützen.

Weder Israel noch die Hamas oder gar „die Palästinenser“ im Gazastreifen werden „kapitulieren“. Die Hamas kann Israel militärisch nicht schlagen, während Israel die Hamas nur schwächen oder vielleicht hindern kann, weiterhin Raketen abzuschießen. Denn das Arsenal der Hamas ist begrenzt und kann nicht durch Nachschub aus dem Ausland aufgefüllt werden. Deshalb wird Krieg nicht mit einem „klaren Sieg“ enden, weder Israels noch der Hamas. Bestenfalls kann es einen Waffenstillstand geben, der wiederum bestenfalls ein paar Jahre lang hält.

 

 

 

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