Aufmarsch Weizenfeld

  • 0

Jerusalem, 2. Januar 2009 – Die abgeernteten Weizenfelder bei Nachal Oz und Kfar Aza sind zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Schwere Raupenketten haben die Felder in Schlammwüsten verwandelt. Metallene Ungetüme stehen in Reih und Glied: D9-Riesen-Bulldozer, Panzer und gepanzerte Truppentransporter mit grotesken Aufbauten, die während der Intifada für den Schutz der Soldaten während Straßenkämpfen in den palästinensischen Städten entwickelt wurden. Ein gelb bemalter Sattelschlepper bringt tonnenschwere Metallplatten. Die werden unter die Bäuche der Panzer geschraubt, als Schutz gegen Straßenbomben. Zitternd vor Kälte sitzen gelangweilte Soldaten auf einem Baumstamm, rauchen und trinken Kaffee aus Pappbechern. „Noch sitzen die Golani-Soldaten bei eisiger Kälte auf dem Zaun, beobachten den Krieg aus der Ferne und warten auf den Marschbefehl. Mögen sie uns doch bald erlauben, reinzugehen und Terroristen das Fell abziehen“, berichtet ein israelischer Militärkorrespondent über die Stimmung in den für die Auslandspresse gesperrten Weizenfeldern.
Seit Samstag vor einer Woche erledigt allein die Luftwaffe die ganze Arbeit. Genau nach Plan zerbombt sie die Tunnels an der Grenze zu Ägypten, Waffenlager und Moscheen, deren Keller als Lager für Raketen dienen, Auch Wohnhäuser, in denen die Israelis Sprengstoff oder Waffen vermuten, werden nach vorheriger telefonischer Warnung der Bewohner aus der Luft zerstört. Nisar Rajan, Nummer Drei in der Hamas-Hierarchie, träumte noch drei Tagen in einem Interview davon, als Märtyrer zu sterben. Er weigerte sich, die israelische Warnung ernst zu nehmen und starb zusammen mit seinen vier Frauen und neun Kindern. Nach dem Treffer der Fliegerbombe waren im zerstörten Haus noch lange danach Explosionen versteckter Munition zu hören.
„Es gibt Ziele, die aus der Luft nicht erreicht werden können“, sagt ein Experte, ohne Einzelheiten preiszugeben. „Deshalb muss es gezielte Bodeneinsätze geben, voll koordiniert mit der Luftwaffe. Sowie die Aufgabe erledigt ist, müssen sich die Bodentruppen umgehend wieder zurückziehen.“
Die Israelis wissen von den zahlreichen Minen auf den Wegen in den Gazastreifen: Sprengstoff-gefüllte Autos am Straßenrand, per Funk zündbare  Bomben unter den Straßen. Hamas-Kämpfer sind von der Hisbollah im Libanon in die Tricks eingeweiht worden, die schwerfälligen israelischen Ungetüme aus Stahl in die Falle zu locken. Handliche Panzerfäuste modernster Bauart, angeliefert vom Iran, erledigen dann den Rest. Im Sommer 2006, im Südlibanon, konnten sich nur noch Infanteristen zu Fuß im Schutze der Dunkelheit fortbewegen, weil die Panzer wie die Enten auf dem Schießstand abgeschossen worden waren. Den Bodentruppen in Feindesland musste sogar das Trinkwasser per Hubschrauber abgeworfen werden, da es für Fahrzeuge kein Durchkommen gab.
Die israelische Armee hat seit dem Libanon-Debakel aufgerüstet, trainiert, Lehren gezogen und mutmaßlich Gegenmittel erfunden. Seit der Entführung des Soldaten Gilad Schalit vor 922 Tagen wird über eine Invasion in den Gazastreifen diskutiert. Die Armee hatte viel Zeit, sich auf die Szenarien vorzubereiten. Die Datenbank der angegriffenen Ziele zeugt von guter Aufklärungsarbeit durch den Geheimdienst. „Im Gazastreifen gibt es viele abgetauchte Fatach-Leute, die uns seit dem Putsch der Hamas mit Begeisterung helfen, die Islamisten zu schlagen“, verrät ein hoher Beamter mit Einblick in Regierungsgeheimnisse.
Die Israelis bangen nicht nur um das Leben ihrer Soldaten. Straßenkämpfe und ein tiefes Eindringen in dicht besiedelte Flüchtlingslager und Städte im Gazastreifen würde unweigerlich zu hohen Opfern unter der Zivilbevölkerung führen. Das kann sich Israel nicht leisten. Neben der grundsätzlichen moralischen Komponente würde das sofort internationalen Druck auf Israel auslösen. Die Operation „Gegossenes Blei“ würde trotz militärischer Niederlagen der Hamas zu einem politischen Sieg der radikalislamischen Organisation werden. Genau deshalb versucht die Hamas, die Israelis zum Einmarsch zu provozieren, während vorerst die vor Gaza massierten Panzereinheiten abwarten.  
Die Mehrheit der Israelis leidet unter dem „Vietnam-Syndrom“. Der Sumpf des Libanon, in dem Israel ohne Ausweg versunken ist, geriet zum kollektiven Trauma. Gleiches gilt für den Gazastreifen. Der ermordete Ministerpräsident Jitzhak Rabin sagte einst: „Ich hoffe, eines Tages aufzuwachen und zu sehen, dass der Gazastreifen vom Mittelmeer verschluckt wurde.“ Für viele Israelis, darunter linke Literaten und Friedensaktivisten gilt, was Außenministerin Zipi Livni in drei Worte fasste: „Genug ist genug.“ Mehr als zehntausend Raketen seit acht Jahren und eine terrorisierte Zivilbevölkerung in einem immer größer werdenden Einzugsbereich von Kassam- und Gradraketen sind nicht hinnehmbar. Das von Ministerpräsident Ehud Olmert gesetzte  bescheidene Kriegsziel, die „Spielregeln zu ändern“, lässt vieles offen.
Verhandlungen mit der Hamas müssen ausgeschlossen werden. Die Osloer Verträge und die Existenz der Autonomiebehörde in Ramallah würden im Falle einer Anerkennung der Hamas de facto ausgeschaltet. Indirekte Verhandlungen mit Hilfe Ägyptens sind undenkbar, seitdem Präsident Mubarak der Hamas alle Schuld für das Ende der Waffenruhe gegeben hat und mit Israel kooperiert. Die europäische Initiative darf schon als gescheitert gelten, da die Europäer selber mit der Hamas nicht reden und allein Israel zu einem Waffenstillstand erpressen könnten, nicht aber die andere Seite. So bleibt nur ein umfassender militärischer Schlag. Gleichwohl rechnet in Israel nicht mit einer Kapitulation der Hamas. „Wir sind die Vertreter Allahs auf Erden. Kannst Du Dir vorstellen, dass Allah kapituliert?“ fragte ein Hamas-Mann einen israelischen Bekannten.
Um die Hamas mangels äußerer Druckmittel und politischer Vernunft zur endgültigen Einstellung seiner Raketenangriffe auf Israel zu bewegen, reichen Luftangriffe angeblich nicht aus. Nur mit dem gezielten Einsatz von Bodentruppen im Stile größerer Kommandounternehmen, scheint dieses Ziel erreichbar zu sein.
  • 0

Hinterlasse eine Antwort